Giuliani pop

Michelagnolo Galilei CDMichelagnolo Galilei: Intavolatura di liuto
Anthony Bailes, lute
Aufgenommen im Juli 2013
Ramée RAM 1306, im Vertrieb von Note-1
… nicht, dass er der Schnellste, Virtuoseste oder Originellste von allen wäre …

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Als Vincenzo Galilei, Vater von sechs oder sieben Kindern, im Jahre 1591 starb, wurde sein ältester Sohn Galileo (1564–1642) verantwortlich für die Familie. Er übernahm diese Verantwortung auch ohne Murren – so war der Lauf der Dinge!
Galileo war der Mathematiker, Naturwissenschaftler, Astronom und Philosoph. Das Genie der Familie. Und es heißt, er sei auch ein begabter Musiker gewesen.
Aber Michelagnolo (das ist die Florentiner Schreibweise des Vornamens, Michelagniolo schrieb sich sein Großvater, aber auch Michelangelo kommt vor), geboren am 18. Dezember 1575, 11:25h, war der Sprössling, der die musikalische Tradition der Familie weiterführen sollte. Vater Vincenzo war Musiktheoretiker und Lautenist, Mitglied der Camerata Fiorentina und Autor eines – mindestens, was die musikalische Kunst angeht – in die Zukunft weisenden Buches: „Dialogo della musica antica e della moderna“ (Florenz 1581).
Galileo hat sich nie professionell mit Musik befasst – Kompositionen aus seiner Feder sind jedenfalls nicht überliefert, auch gibt es keine weiteren Berichte, in denen er als Musiker erwähnt würde. Er wurde Lektor in Pisa später Professor für Mathematik an der renommierten und wohlhabenden Universität in Padua, 1610 dann in Florenz. Für seinen Bruder Michelagnolo suchte er nach dem Tod des Vaters eine respektable und auskömmliche Stellung an einem europäischen Hof. In Italien gelang es ihm nicht, auch nicht in Polen, wo Michelagnolo immerhin sechs Jahre verbrachte. Schließlich erhielt er eine Stelle als „Instrumentist“ am Hof Herzog Maximilians I. von Bayern in München.
Michelagnolo heiratete 1608 – von den acht Kindern, die er mit seiner Frau Anna Chiara geb. Bandinelli hatte, reüssierten zwei als Musiker: Vincenzo und Alberto Cesare. Aber die Zeiten waren schlecht. 1618 hatte ein Krieg begonnen, der als „Dreißigjähriger Krieg“ in die Geschichte eingehen sollte, und an diesem Krieg waren die Bayern maßgeblich beteiligt. Als dann Michelagnolo die Idee hatte, seine Lautenstücke in einem gedruckten Buch herauszugeben, rieten ihm viele ab, schließlich musste er die kostspielige Ausgabe finanzieren und das Gehalt, das er von Herzog Maximilian bekam, war, besonders in Kriegszeiten, knapp bemessen.


Aber „Il Primo Libro d’Intavolatura di Liuto“ von Michelagnolo Galilei erschien 1620 in München – in dem Jahr, in dem im November die „Schlacht am Weißen Berg“ geschlagen wurde, aus der Maximilian I. als Befehlshaber siegreich hervorging. Natürlich war Michelagnolos Buch dem Herzog gewidmet … und schließlich glätteten sich auch die Wogen finanzieller Nöte, mit denen die Familie Galilei in München ständig konfrontiert war.
Michelagnolo Galilei starb am 3. Januar 1631 … welch lapidare und zudem vergleichsweise unpräzise Angabe, vergleicht man sie mit dem Protokoll seiner Geburt: „18. Dezember 1575, 11:25h“. Dass wir wissen, wann genau er geboren wurde, zu welcher Uhrzeit sogar, hängt damit zusammen, dass Galileo, der Astronom, für seinen Bruder ein Horoskop geschrieben hat, das in der Biblioteca Nazionale Centrale erhalten ist.
Die Musik, die uns durch Galileis Lautenbuch in französischer Tabulatur überliefert wird, setzt eine zehnchörige Laute voraus. Alle Einzelsätze sind zu Sonaten in unterschiedlichen Tonarten zusammengefasst, die meisten davon beginnen mit Toccaten, dazu kommen Correnten, Volten, Passamezzi und Saltarelli.
Anthony Bailes: Er gehört zu den Musikern, deren Interpretationen man eigentlich nur mit Superlativen beschreiben kann. Nicht, dass er der Schnellste, Virtuoseste oder Originellste von allen wäre, nein! Aber Anthony Bailes spielt so, dass einem nie Entsetzen oder Missbilligung ins Gesicht geschrieben ist, wenn man ihn hört. Alles richtig und korrekt! Mehr noch: Alles schön und gut!
Und doch! Meine persönlichen Präferenzen diktieren mir gelegentlich andere Sätze. Ich könnte mir zum Beispiel Saltarelli springender und hüpfender vorstellen als zum Beispiel in Nº 17 der tracklist. Couranten auch geläufiger und fließender als in Nº 7 und anderswo, der Passamezzo Nº 16 wirkt auf mich eher gelangweilt und langweilig … usw. usw.
Aber Anthony Bailes spielt mit betörender Klangschönheit und er bringt mit erschreckender Ehrlichkeit die Brüche, die zwischen Renaissance- und barocker Lautenmusik auseinanderklaffen, zu Gehör. An zwei Stellen hat er nämlich zwischen den Sonaten von Michelagnolo Galilei Stücke von dessen Vater Vincenzo versteckt: eine Intavolierung, eine Fantasie und Tanzsätze.
Dies ist – auch, wenn es sich mitunter so anhört – keine Vorlesung in Sachen Musikgeschichte der Renaissance und des Barock! Es ist ein Stück lebendiger Musik, gemacht und gespielt zur Freude aller!