Giuliani pop

Peter Söderberg & Erik Peters: On the carpet of leaves illuminated by the sun
Werke von John Cage, James Tenney, Alvin Lucier und Steve Reich
Aufgenommen 2012 und 2013, erschienen 2014
ALICE ALCD028, im Vertrieb von NAXOS Schweden
… ein besonderes Vergnügen …


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On the carpet of leaves


1. Ein Sinus-Oszillator liefert für 13:49 Minuten einen durchgehenden Ton von 164,8 Hz. Gleiche Frequenz, gleiche Lautstarke. Dazu spielt Peter Söderberg in sehr regelmäßigen Abständen den gleichen Ton auf einer Oud. Auf einer nicht bebündeten Oud. Das Stück „On the Carpet of Leaves Illuminated by the Moon“ von Alvin Lucier lebt davon, dass sich die Töne, die von der Oud geliefert werden, um minimale Intervalle – angegeben sind zwei bis drei Cent – verändern. Diese minimalen Abweichungen addieren sich im Verlauf der Komposition auf einen Ganzton, als 200 Cent, um die die Oud um den Sinuston kreist. Bei zwei so nah beieinander liegenden Schwingungen entstehen Interferenzen, Schwebungen, die der Hörer immer wieder aufs Neue für sich bewerten muss.
2. James Tenneys „Cromatic Canon“ für Laute und Live-Elektronik lebt von phase shifting, einer Technik, die von den amerikanischen Minimalisten „erfunden“ worden ist. Man stelle sich vor, man spiele ein und dieselbe Komposition auf zwei Tonbandmaschinen gleichzeitig ab. Da niemals zwei Bandmaschinen hundertprozentig gleich schnell laufen, ergeben sich nach ziemlich kurzer Zeit klangliche Abweichungen, aus der sich später raffinierte Klangmuster entwickeln … um nach ziemlich langer Zeit für einen Moment wieder zum parallelen Klang zurückzufinden.
3. One7 von John Cage gehört zu den „Number pieces“ des Komponisten, die nach der Anzahl der mitwirkenden Interpreten benannt sind. One7 ist also eine Solokomposition, die hier aber von zwei Musikern realisiert wird – auf einer Gitarre und Live-Elektronik. Es geht um das Erzeugen von zwölf Klängen „for any way of producing sounds“, für die lediglich die zeitliche Abfolge in einer Partitur festgelegt ist. Das Stück ist dreißig Minuten lang und für diese dreißig Minuten wird ein streng gegliederter Ablaufplan geliefert, in den die unterschiedlichen Klangerlebnisse eingetragen sind und der für jede Aufführung neu berechnet wird.


In One7 wird der Hörer also mit einer Reihe von Klängen konfrontiert, die von einer akustischen Gitarre einerseits und einem Computer erzeugt worden sind.
4. Von Steve Reich kennt man Stücke, die mit phase shifting arbeiten. Als letztes Werk ihrer CD spielen Peter Söderberg und Erik Peters seine „Violin Phase“ von 1967, ursprünglich geschrieben für vier Violinen aber mit der Option es für Solo-Violine und Tonband aufzuführen, wobei das Band die Stimmen der Violinen zwei bis vier enthält. Söderberg und Peters spielen das Stück in einer Version für Laute und Live-Elektronik . Dass die Stimmen für drei Violinen nicht vom Band abgespielt werden, erlaubt, einen gewissen Einfluss auf deren Gestaltung auszuüben … allerdings besteht der Reiz des Stück eigentlich in der stereotypen, sich gelegentlich verschiebenden Wiederholung der verhältnismäßig kurzen Ostinato-Motive, die zu immer wieder in anderen Farben schillernden Konstellationen führen.
Weder Schönklang noch Sinnlichkeit. Weder notiert noch improvisiert … weder virtuose Luftsprünge, noch klassische Kostbarkeiten. Was Peter Söderberg und Erik Peters auf ihrer neuen CD spielen, werden einige ihrer Zuhörer nicht einmal für Musik halten – dabei werden wir nicht nur Zeugen intellektueller Phantastereien, sondern fühlen uns in wundersame Klangwelten entführt, die sich förmlich selbst erzeugen und weiterentwickeln. Elektronik ist dabei, drei Zupfinstrumente sind dabei … als Zuhörer sollte man die Bereitschaft zu unvoreingenommenem Zuhören mitbringen … dann wird einem ein besonderes Vergnügen bereitet. »