Giuliani pop

Ricardo Gallen Sor CDFernando Sor: Guitar Sonatas
Ricardo Gallén, Romantic Guitar
Aufgenommen im September 2013
SACD Eudora Records EUD-SACD 1401, im Vertrieb von Challenge Records
… Die neue Aufnahme von Ricardo Gallén ist etwas Besonderes! …


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Aufnahmen mit Sonaten von Fernando Sor sind nicht unbedingt etwas Besonderes. Solche Werkzusammenstellungen hat es schon häufiger gegeben – und bieten sie sich nicht regelrecht an? Opp. 14, 15b, 22 und 25 zusammen passen soeben noch auf eine CD und ohne Probleme auf eine SACD (wie bei der vorliegenden Aufnahme mit zusammen knapp 76 Minuten). Außerdem werden formal verwandte Werke von der Plattenindustrie immer wieder gern zu „Zyklen“ miteinander verbunden – auch, wenn sie nichts Zyklisches haben (wie „sämtliche Etüden“, „sämtliche Fantasien“ oder „sämtliche Symphonien“).

Und doch: Die neue Aufnahme von Ricardo Gallén ist etwas Besonderes! Schon für Technik-Besessene: Die SACD ist in DSD256 aufgenommen, dem mit 11,2 MHz höchstauflösenden, verfügbaren Audioformat. Sie ist, damit nicht unterschiedliche Abspielgeräte benötigt werden, ein Hybrid mit gleich drei Versionen der Musik. Man erhält eine Version in herkömmlicher CD-Qualität und jeweils eine in DSD64 Stereo und Surround. Für die beiden DSD64-Versionen braucht man spezielle Abspielgeräte, die CD-Variante erkennt der benutzte Player automatisch. Die Klangqualität der SACD ist makellos – ob sie besser ist, als herkömmliche Aufnahmen und Pressungen, kann nicht entschieden werden.

Das Begleitmaterial: Die Texte für das Booklet (englisch und spanisch) hat Julio Gimeno geschrieben. Er liefert interessante Informationen und, als Abschlusskapitel, einen Exkurs über Sors Gestaltung von Durchführungsabschnitten in Sonatensätzen: „La sección de desarrollo en las sonatas de Sor/The development section in Sor’s sonatas“. Dabei behandelt er die unterschiedlichen Arten der Weiterverarbeitung musikalischer Materialien und die Schwierigkeit, sie auf der Gitarre umzusetzen. Vor allem thematische Verarbeitungen, wie sie zum Beispiel in Klaviersonaten üblich sind, stellen bei der Gitarre vor große Probleme. Sor hat eher harmonisch verarbeitet und weniger thematisch oder im Bereich Kontrapunkt, was Julio Gimeno erklärt und belegt.

Der Exkurs zum Thema Durchführungen im Booklet-Text übersteigt das, was ein Einführungstext eigentlich zu liefern hat, aber er ist interessant und bezieht sich auf die Werke, die Ricardo Gallén vorträgt. Was mir am Text fehlt, ist die Erklärung, warum das „Allegretto“ aus der „Fantaisie“ op. 30 von Fernando Sor zwar erwähnt, aber nicht mitgeliefert wird – es ist schließlich auch ein Sonatenhauptsatz. Dass für die Plattenaufnahme eine „Romantic guitar“ verwendet worden ist, hört und sieht man … wer diese Gitarre aber gebaut hat, wird verschwiegen. Schade! Auch finde ich nirgends die Überschriften der einzelnen Sonatensätze. Im Internet stehen sie!

Und schließlich Ricardo Jesús Gallén García: Er ist – neben Fernando Sor natürlich – die Hauptperson, was die neue Aufnahme angeht. Was wir hören, sind klassische Sonaten und zwar ohne die Zutaten, die man von Gitarristen eigentlich gewohnt ist: unmotiviertes und unbegründetes Arpeggieren von Akkorden zum Beispiel, klanglicher Kontrollverlust bei Lagenwechseln, ungewollte übertriebene Portamenti usw. … man kennt das! Viele dieser interpretatorischen Unsitten sind durch Andrés Segovia bekannt und zu Marotten vieler Nachahmer geworden, aber man kann den Maestro nicht für alles verantwortlich machen. Auf alten Aufnahmen von Llobet zum Beispiel oder Barrios hört man ähnliche Unsitten … auch auf Schellack-Platten von Nicht-Gitarristen übrigens – das zur Ehrenrettung der Gitarristen-Zunft! Aber Gallén spielt schnörkellos klassisch … immer … nein, fast immer, denn hie und dort scheint auch bei ihm der Gitarrist durch.

Aber er demonstriert auch feinsinnigen Umgang mit interpretatorischen Freiheiten: im Menuett der Grande Sonate op. 25 zum Beispiel, das Gallén sehr tänzerisch und originell phrasiert und akzentuiert, schließt er den B-Teil wirkungsvoll und ganz im Sinn der Virtuosen zur Zeit Sors mit ebenso eleganten wie unaufdringlichen agréments. Sehr schön!

Auch über Ricardo Gallén steht im Booklet nichts! Dabei wüssten sicherlich viele Musikstudenten oder potentielle Musikstudenten gern, aus welcher Schule er, der insgesamt überzeugende Interpret dieser SACD, kommt und wo er unterrichtet. Seine beiden wichtigsten Lehrer, so viel jetzt als Kurz-Info, waren Eliot Fisk (in Salzburg) und Joaquín Clerch (in München). Er lehrt heute in Weimar!