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christina pluhar 1Music for A While: Improvisations on Henry Purcell
Philippe Jaroussky, Countertenor; Raquel Andueza, Sopran; Vincenzo Capezzuto, Alto; Dominique Visse, Countertenor
L’Arpeggiata unter der Leitung von Christina Pluhar
Aufgenommen im Juni 2013, VÖ: 28.02.2014
ERATO/WARNER MUSIC 08256 463375 0 7
… ein köstliches Wechselspiel …

L’Arpeggiata: Christina Pluhar
The Complete Alpha-Recordings (6 CDs)
Featuring Marco Beasly, Lucilla Galeazzi, Johannette Zomer, Gianluigi Trovesi …

CD1 Giovanni Girolamo Kapsberger: La Vilanella

CD2 Stefano Landi: Homo fugit venut umbra
CD 3-1 Emilio de’ Cavalieri: Rappresentatione di Anima e di Corpo 1
CD 3-2 Emilio de’ Cavalieri: Rappresentatione di Anima e di Corpo 2
CD 4 La Tarantella Antidotum Tarantulae
CD 5 All’Improvviso: Ciaccone, Bergamassche & un po’ di Follie …

Aufgenommen zwischen Juni 2000 und August 2004, Zusammenstellung erschienen 2014
ALPHA 828 (outhere music, im Vertrieb von Note 1
… Alles in mediterranen Farben strahlend … zwischen Flamenco und Oratorium, Tarantella und Españoletas …



Der neue Stil, „stile nuevo“ oder „stile moderno“ – Komponisten des frühen 17. Jahrhunderts initiierten eine bewusste künstlerische Wende, die sie auch als „seconda pratica“ gegen Unverständnis und Angriffe verteidigten. Während die „prima pratica“ polyphone Satzweisen bevorzugt hatte, wurde jetzt die Melodie in den Vordergrund gestellt und damit das Wort. Im Anhang an diese Wandlung wurde der Einzelgesang mit Generalbassbegleitung, Monodie genannt, stilistisch vorherrschend – mit ihm die Oper, die sich seit Anfang des 17. Jahrhunderts als neue musikalische Großform etablierte.

 

Henry Purcell by John ClostermanGiovanni Girolamo Kapsberger (1580—1651) ist Lautenisten bekannt und zwar hauptsächlich wegen seines „Libro primo d’intavolatura di lauto“ von 1611 und seiner Tabulaturbücher für Chitarrone. Davon, dass von dem „Nobile Alemano“ – so wurde er genannt, weil er als Sohn eines deutschen Offiziers in Habsburgischen Diensten geboren wurde – auch zahlreiche Vokalkompositionen überliefert sind, davon profitiert das Publikum rund 350 Jahre nach seinem Tod eher selten. Dabei sind Madrigale, Motetten und mehrere Bücher mit Villanellen gedruckt überliefert, dazu Einiges an instrumentaler Ensemblemusik … die „Sinfonie a quattro con il Basso continuo“ von 1615 zum Beispiel.

Mit Villanellen von Kapsberger haben Christina Pluhar und ihr Ensemble L’Arpeggiata im Jahr 2000 die Zusammenarbeit mit dem Label Alpha begonnen. Die dabei entstandene CD ist die Nº 1 der vorliegenden Zusammenstellung.

Villanellen waren lebendiger Ausdruck des „stile nuovo“, in dessen Rahmen ja Textverständlichkeit postuliert worden ist. Sie sollte erreicht werden durch Festhalten an syllabischer Textverteilung und durch schlichte instrumentale Begleitungen, für die der Chitarrone in Mode kam aber auch die fünfchörige Barockgitarre. Im Titel seines ersten Buchs mit Villanellen (1610) hat Kapsberger allerdings freigestellt, wie sie instrumental begleitet werden sollten: „Libro primo di villanelle a I. 2 et 3 voci accommodate per qualsivoglia strumento con l’intavolatura del chitarrone et alfabeto per la chitarra spagnola“. Chitarrone und Gitarre waren scheinbar als Continuo-Instrumente favorisiert, ansonsten stand es Musikern aber frei, die Instrumente zu besetzen, die sie zur Verfügung hatten oder bevorzugten. Und genauso – „accommodate per qualsivoglia strumento“ – ist Christina Pluhar verfahren: sie selbst, Eero Palviainen, Edin Karamazow und Giovanna Pessi (alle Lauteninstrumente, Gitarre oder Barockharfe) im basso continuo, dazu Violen, Lirone, Geige, Zink, Orgelpositiv und Schlagwerk … nicht zu vergessen natürlich die exzellenten Sänger Johanette Zomer (Sopran) sowie Pino de Vittorio und Hans-Jörg Hammel (Tenor).

Texte finden sich im Booklet der Kassette nicht – dafür aber im Internet unter http://www.outhere-music.com. Dort findet man auch Erläuterungen zu den sechs CDs der Sammlung als PDF-Dateien.

Zwischen den Villanellen werden einige der erwähnten „Sinfonie“ als Interludien gegeben, auch Solostücke für Laute oder Chitarrone. In ihnen finden wir Kapsberger als den freidenkerischen Geist, der er war. Seine Stücke sind harmonisch außerordentlich kühn und überraschen immer wieder aufs Neue – nie würde man heute annehmen, dass sie bereits vierhundert Jahre alt sind.

(CD-2) Stefano Landi (ca. 1586—1639) stand wie Kapsberger eine Zeit in Diensten von Maffeo Barberini in Rom, der als Papst Urban VIII. zu den größten Förderern der Künste gehörte. Landis erste Oper hieß „La morte d’Orfeo“ (1619), bekannt geworden ist er aber durch zahlreiche Veröffentlichungen mit Madrigalen, Psalmen und vor allem Arien, die teilweise „con le littere per la chitarra“, also mit Tabulaturen für (fünfchörige) Gitarre im Druck erschienen sind.

Auch die Werkauswahl „Landi“ präsentiert Christina Pluhar mit ihrem Team als außerordentlich kurzweiliges Konzert … und auch, wenn das erste Stück der CD, die „Passacaglia della Vita“, mit „Homo fugit velut ombra“ überschrieben ist (Der Mensch vergeht wie ein Schatten), ist das Programm ein sehr weltliches und lebensnahes.

(CD 3-1 und 3-2) Der Römer Emilio de’ Cavalieri (ca. 1550—1602) war ein angesehener Mann und kam aus bestem Hause. Sein Vater war ein berühmter Architekt und als solcher mit Michelangelo Buonarotti befreundet.

Emilio stand erst in Diensten der Medici in Florenz und befasste sich früh mit der Form der „favola musicale“, aus der schließlich die ersten Opern entstanden. Seine „Rappresentatione di Anima e di Corpo“ schließlich wurde im Februar 1600 in Rom erstmalig aufgeführt, im Heiligen Jahr, für das noch Papst Clemens VIII verantwortlich zeichnete.

Die Rappresentatione galt für Viele als erste Oper überhaupt, auch für den Komponisten selbst. Andere halten sie für das erste Oratorium. Ein „sakrales Spiel zum Heiligen Jahr“ ist es, ein Spiel mit wenig Handlung und allegorischen Figuren, die über Werte, Gebote, Gemeinsamkeiten, Gegensätze und Ethik philosophieren. Das Ganze im Kostüm einer barocken multimedialen Bühnenshow, einer wirklichen Oper … mit Orchester, Chor, zahlreichen Instrumenten und Stimmen. Und all das bringt Christina Pluhar mit großer Besetzung auf die Bühne. Mit allem, was man braucht und erwartet: mit Klängen, Kostümen, Geräuschen, Düften und natürlich auch Bildern. Und vielleicht erlaubt gerade das Abstrakte der Handlung, die keine Handlung ist, Einblicke und Ausblicke, Hoffnungen und Enttäuschungen, tiefe Gefühle halt … OPER!

(CD 4 und 5) Schließlich kommen noch zwei CDs mit weltlichen instrumentalen Kompositionen: Tarantella und dann Ostinatoformen, wie sie im 17. Jahrhundert populär waren. Hier hat Christina Pluhar den Bereich der Alten Musik verlassen … oder hat sie ihn vielleicht gerade erst erreicht?

Folias, Ciaccona, Toccata, Folios, Bergamasca, Españoletas, sie alle waren und sind eher Einladungen zum Improvisieren gewesen als ausgeschriebene Stücke oder in Stein gemeißelte Werke. Dass hinter einigen Titeln in der Tracklist der CD „improvisation“ steht, ist also eine eher überflüssige Fußnote, eine Tautologie. Entweder lagen den Stücken ostinate Bassformeln zugrunde oder sie gingen auf Melodien zurück, die so bekannt waren, dass jeder darüber extemporieren konnte. An die Vorgaben, die vor vierhundert Jahren geliefert worden sind, haben sich die Musiker von L'Arpeggiata gehalten. Sie haben das Vorgefundene respektiert und mit ihren eigenen musikalischen Erfahrungen und Ideen zu einer köstlichen Melange vereint, die viele geschmackliche Nuancen bereithält.

Dass Pluhar & Co. jetzt auch Instrumente verwenden, die zur Zeit von Kapsberger oder Santiago de Murcia (beide sind erwähnt!), noch gar nicht erfunden waren (die Klarinette zum Beispiel), ist nur konsequent … haben wir doch aus Kapsbergers Besetzungsangabe gelernt, dass er mit der Anweisung „per qualsivoglia strumento“ regelrecht zum Experimentieren mit Klangfarben aufgefordert hat.

Den Hörern der CD-Sammlung mit Christina Pluhar und L’Arpeggiata wird eine Kreuzfahrt durch Musikkulturen des Mittelmeerraums gegönnt, wie sie im 17. Jahrhundert beim Adel, im höheren Klerus und auch im gemeinen Volk gepflegt wurden. Alles in mediterranen Farben strahlend … zwischen Flamenco und Oratorium, Tarantella und Españoletas.

<Schnitt>

Mit ihrer neuesten CD hat Christina Pluhar die Seiten gewechselt … oder das, was sie auch bisher musikalisch dachte, weiter- oder zu Ende gedacht. Es wird nicht mehr vorgegeben, die Musik sei von Henry Purcell (1659—1695) – „Improvisations on Henry Purcell“ sind angesagt. Es singen Spezialisten für Alte Musik (darunter je ein Countertenor und Altus), gleichzeitig spielt als Gast Wolfgang Muthspiel akustische und elektrische Gitarren. L’Arpeggiata ist mit Barockinstrumenten besetzt, mit Zink, Theorbe und Blockflöten – dazu wirkt als special guest der hinreißend spielende Klarinettist Gianluigi Trovesi mit, den wir schon von der CD „All’Improvviso“ kennen und der als Jazz-Musiker international renommiert ist, ebenso der Jazz-Pianist Franceso Turrisi an Klavier, Cembalo, Orgel und Melodica.

Die CD lässt ihre Zuhörer ein Wechselbad musikalischer Stile erleben, irgendwo zwischen Barockmusik, modernem Jazz und gelegentlich englischen Straßenliedern in „gepflegtem” Cockney. Irgendwo zwischen Abendgebet und dem Liebeswerben zwischen Jocky und Jenny „within a furlong of Edinborough town“, dem Jenny widersteht, weil sie Angst um ihren guten Ruf hat:

„When my maiden treasure’s gone
I must go to London Town,
and roar and rant, and patch and paint,
and kiss for half a crown:
each drunken bully oblige for pay
and earn a hated living
in an odious, fulsome way.“

Man sieht, Thomas D’Urfey (1653—1723), dem Dichter dieser Zeilen, war nichts Menschliches fremd. Das hat er auch mit seinem seinerzeit höchstpopulären country song „The Fart“ unter Beweis gestellt hat (leider nicht auf der CD!).

In „Music for a While“ und ausgerechnet in „Strike the viol“ meint man, Gianluigi Trovesi und der Jazz beherrschten die Szene … aber es ist und bleibt ein köstliches Wechselspiel, das, nebenbei bemerkt, Überraschungen bereithält. Dass man auf einem Zink splendid jazzen kann, ist eine davon. Doron Sherwin beweist es in „Wondrous machine“, während er in „Now that the sun hath veiled his light“, dem betörend schönen Abendgebet, in dem auch der Countertenor Philippe Jaroussky glänzt, eher konservativ agiert.

Die CD „Music for a While“ ist ein Vergnügen für … na ja, für wen denn eigentlich? Für den Jazz-Liebhaber? Oder für den der Alten Musik? Vermutlich wird jeder daran Freude haben, der gelegentlich gern über den vielzitierten Tellerrand schaut. Aus welcher Richtung auch immer!