Giuliani pop

CD Gees BendGee’s Bend: Gitarrenkonzerte des 20./21. Jahrhunderts
Werke von Elmer Bernstein, Malcolm Arnold, Michael Daugherty
Thorsten Drücker, Gitarre; WDR-Rundfunkorchester, Rasmus Baumann
Aufgenommen zwischen September und Dezember 2010, erschienen 2011
Querstand VKJK 1211, im Vertrieb von CODAEX
… in allen drei Konzerten exzellent …

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Thorsten Drücker spielt Gitarrenkonzerte … keines von Rodrigo oder Castelnuovo-Tedesco, auch nicht von Brouwer und schon gar nicht von Vivaldi. Von den drei Konzerten, die er zusammen mit dem WDR-Rundfunkorchester unter Rasmus Baumann für seine CD eingespielt hat, ist eines halbwegs bekannt, das von Malcolm Arnold (1921—2006) nämlich, das Julian Bream gewidmet ist, die beiden anderen eher nicht. „Gee’s Bend for electric guitar and orchestra“ ist eine Welt-Ersteinspielung und das Konzert von Elmer Bernstein (1922—2004), mit dem das Programm eröffnet wird, hat bisher nur Christopher Parkening auf CD vorgestellt. Er hat den Komponisten zu dem Werk angeregt und ihm ist es gewidmet.

Elmer Bernstein war, als er sein „Concerto for guitar and orchestra“ schrieb, ein vielbeschäftigter Komponist … allerdings weniger von „E-Musik“, was auch immer man darunter verstehen mag. Elmer Bernstein belieferte Hollywood und zwar sehr erfolgreich. „The Magnificent Seven“ (1960) „The Ten Commandments“ (1956) „The Blues Brothers“ (1980) oder „Wild Wild West“ (1999) sind nur ein paar Beispiele für die insgesamt über zweihundert Filme, die er mit Musik versehen hat. Für die Musik zu „Thoroughly Modern Millie“ hat er 1967 gar einen „Oscar“ bekommen.

Housetop von Stella Mae PettwayDas Concerto von Elmer Bernstein, der – nebenbei bemerkt – mit Leonard Bernstein (1918—1990) befreundet, aber nicht verwandt war, beginnt mit einem puren Gitarrenklang, mit dem Durchstreichen der leeren Saiten des Instruments … ganz vorsichtig erst, als wäre es ihm fremd, als brächte er seine ersten Töne auf der Gitarre hervor. Und dann, wenig später, baut sich peu à peu ein Orchesterklang auf: Streicher, Holz, Blech und für die Effekte immer wieder Schlagwerk.

Das Soloinstrument, die Gitarre, hat Bernstein durchaus selbstbewusst eingesetzt … und doch badet er für die dramatischen Momente seines Konzerts gern im opulenten Orchesterklang. Oft sind das nur Momente, aber sie offenbaren Bernsteins hohe Kunst des Instrumentierens oder Orchestrierens und natürlich des Verwaltens von Spannung. Es gibt im ersten Satz des Concertos Situationen, in denen ich Bilder vor Augen habe, einen Film … induktiv oder deduktiv … aber sie sind da: Landschaften und auch Szenen.Der zweite Satz heißt „Reflections“ und natürlich hält er Aufgaben für die Gitarre bereit. Die sind nicht nur melodiös bis romantisch wie im langsamen Satz des Aranjuez-Konzerts von Joaquín Rodrigo, dessen Wechseltonmotiv und innere wie äußere Anlage Elmer Bernstein mehr als inspiriert zu haben scheinen, sie können auch durchaus anpacken.

Und dann „Celebration“, ein freudig-vitaler dritter Concerto-Satz, den mancher Postpostpost-Romantiker hundert Jahre vor Elmer gern geschrieben hätte. Auch Rodrigo! Das Stück hat Verve, Energie und sprüht vor Lebenslust. Was gefeiert wird, verrät der Komponist nicht, aber es ist ein freudiger Anlass, zu dem die Musiker zusammengekommen sind.

Malcom Arnold, dessen Guitar Concerto“ folgt, hat auch Filmmusik geschrieben und auch einen „Oscar“ bekommen, und zwar für die uns allen bekannte Musik zu „The Bridge on the River Kwai“ (1957). Aber Arnold war weit weniger auf Filmmusik festgelegt, als es sein Kollege Bernstein war. Auch er hat 80 Filme vertont … hat aber auch neun Symphonien geschrieben, mehrere Opern und Ballettmusiken usw. Das Gitarrenkonzert hat er 1959 komponiert – zu einer Zeit, als der Gitarrenboom im Entstehen war, als die Musik aber gleichzeitig eine Art „posttraumatischer Sinnkrise“ zu überleben hatte. In den Jahren nach 1945 erlebte Malcolm Arnold seine ersten Erfolge als Komponist, er hat sich aber – gegen den Zeittrend – immer für sinnlich und nicht ausschließlich intellektuell erfahrbare Musik eingesetzt, und für verständliche Musik.

Das Guitar Concerto von Malcolm Arnold ist das Werk des vorliegenden Programms, in dem sich Thorsten Drücker besonders als Solist zeigen kann. Und er tut das sehr überzeugend! Schon der erste Satz hat alles zu bieten, was an der Gitarre geliebt wird. Ein lyrisches zweites Thema zum Beispiel, mit dem der Gitarrist sich und sein Instrument präsentieren kann. Sehr schön!

Und dann der dritte Satz: „Con brio“. Er hat das, was der dritte Satz eines Solokonzerts traditionsgemäß vorweist. Hier kann der Solist sich vor dem Applaus noch einmal mit allem, was er kann, seinen Zuhörern präsentieren: Da wird mit Virtuosität geprahlt und mit Lyrischem bis das Werk schließlich in eine Stretta mündet.

Und schließlich das Konzert von Michael Dougherty (*1954). Gee’s Bend ist der inoffizielle Name des Ortes Boykin in einer Wendung (bend) des Flusses Alabama, nicht weit von Selma/Alabama entfernt. Der Name der Stadt Selma ist in die Geschichte eingegangen, weil von dort aus im Jahr 1965 drei Märsche vonseiten der amerikanischen Menschenrechtsbewegung stattgefunden haben, die das Wahlrecht für Afroamerikaner durchsetzen wollte. Martin Luther King führte die Märsche an, von denen die beiden ersten scheiterten, der dritte aber erfolgreich war … für den Preis mehrerer Todesopfer.

Der Name Gee’s Bend geht auf den Großgrundbesitzer Joseph Gee zurück, der hier, im „Cotton State“ Alabama, eine Baumwollplantage betrieben hat. Heute leben hier weitgehend Afroamerikaner … und die fertigen die Gee’s Bend Quilts an. Wenn es im Booklet der CD allerdings heißt, die Gegend um Boykin sei „eine der ärmsten im Süden der USA“ gewesen, stimmt das nur halb … denn arm waren nur die Sklaven. Deren „Eigentümer“ waren reiche Plantagenbesitzer wie Joseph Gee.

Das Konzert von Michael Daugherty ist, wie die Quilts, Patchwork. Vier Sätze mit vier unterschiedlichen Themen und ausgehend von vier verschiedenen stilistischen Voraussetzungen: „Housetop“, „Grandmother’s Dream“, „Washboard“ und „Chicken Pickin“.

„Housetop“ heißt „Dach“ … und ist gleichzeitig ein Muster, das im Quilting oft verwendet wird. Dieses relativ simple Muster besteht meist aus konzentrischen Quadraten oder Rechtecken, die ineinandergeschachtelt sind, miteinander verwunden (s. Abbildung). Die Überschriften „Großmutters Traum“ und „Waschbrett“ sind auch für Mitteleuropäer verständlich, „Chicken Pickin’“ heißt eine Anschlagsart, die auf der Rockgitarre angewandt wird.

Für die Namen, die Michael Daugherty den Sätzen seines Konzerts gegeben hat, finde ich in seiner Musik wenig Entsprechungen … am ehesten noch in dem romantischen und sehr ruhigen „Grandmother’s Dream“, wo das geträumt wird, was alle Omas halt träumen, und vielleicht auch in dem repetitiven „Washboard“. Aber selbst, wenn sich die Programme nicht gleich jedem erschließen, das Konzert „Gee’s Bend for Electric Guitar and Orchestra“ ist ein attraktives Stück Musik für die Besetzung Elektrogitarre und Orchester. Der letzte Satz ist dabei der für den Solisten dankbarste. Und er ist der amerikanischste. Nicht nur weil mit „Swing Low Sweel Chariot“ und „Nobody knows the Trouble I’ve seen“ zwei Spirituals ausgiebig zitiert werden, nein, weil gestisch hie und dort doch wieder Hollywood durchschimmert. Daugherty ist der einzige der drei Komponisten dieser CD, der bisher keine Filmmusik geschrieben hat – aber er könnte es! In seinem Werkkatalog stehen Kompositionen wie „Mount Rushmore for Chorus and Orchestra“ oder „Niagara Falls for Band“ und wer einmal an Bord der „Maid of the Mist“ in die „Horseshoe Falls“ gefahren ist, weiß, wie sich diese Musik anhören muss. Hollywood!

Die neue CD von Thorsten Drücker enthält drei Konzerte für Gitarre und Orchester, die weitgehend unbekannt oder selten aufgeführt worden sind. Allein das macht neugierig! Dann ist für eines der Konzerte eine Elektrogitarre als Soloinstrument vorgesehen. Das mag den einen oder anderen Betrachter skeptisch stimmen, aber auch diese Variante macht die CD interessant. Dass aber ein und derselbe Gitarrist alle drei Konzerte spielt, zwei auf der „Konzertgitarre“ und eines auf einer elektrischen, das wird die Skeptiker in ihren Vorbehalten vermutlich bestätigen.

Thorsten Drücker beweist, dass es geht. Nein, viel mehr: Thorsten Drücker ist in allen drei Konzerten exzellent. Mir gefällt seine Interpretation des Arnold-Konzerts besonders gut, wo er beispielsweise im zweiten Thema des Kopfsatzes das romantische Potential seines Instruments auskostet; in lebhaften Sätzen wie in „Celebration“ bei Elmer Bernstein überzeugt sein markantes, impulsgebendes Spiel. Was „Gee’s Bend“ angeht, empfehle ich Ihnen den Solisten besonders im letzten Satz „Chicken Pickin“!

Das WDR Rundfunkorchester, „das einzige Unterhaltungsorchester der ARD“, hat wieder einmal seine Klasse gezeigt und fürstlich unterhalten. Danke!

Foto: Housetop-Quilt von Stella Mae Pettway