Giuliani pop

Evora CDÉvora: Portuguese Baroque Villancicos
A Corte Musical, Rogério Gonçalves
Aufgenommen im März 2013, erschienen 2014
PAN Classics PC 10304, Im Vertrieb von Note-1
… Endlich, endlich können Musiker, wenn sie Alte Musik spielen, aus dem Bauch agieren …

Der spanische Begriff „Villancico“ ist abgeleitet von „villano“ (= der Bauer). Was liegt näher, als hinter Kompositionen, die in Spanien als Villancicos bezeichnet worden sind, weltliche, vielleicht auch einfache wenn nicht bäuerliche Kompositionen zu erwarten? Die ursprünglichen Villancicos haben dieser Erwartung auch entsprochen – nicht aber die, die wir auf dieser CD von Corte Musical hören. Weltlich sind sie nicht durchgängig, auch nicht einfach strukturiert und schon gar nicht bäuerlich. Die (katholische) Kirche hat sich im 17. Jahrhundert die Volkstümlichkeit des Villancicos zunutze gemacht und immer mehr dieser Gesänge mit Texten, die zum Teil lokale Bezüge hatten oder sogar extemporiert wurden, in ihre Messen aufgenommen. Heute, wo die eigentliche Tradition des Villancico-Singens in Volk und Kirche nicht mehr gepflegt wird, steht der Terminus für Weihnachtslieder.

Es sind keine spanischen Kompositionen, die A Corte Musical vorführt … oder doch? Als die Tradition der Villancicos in Portugal entstand, bildeten Spanien und Portugal politisch eine Einheit, die unter der Herrschaft der Habsburger stand. Das war 1580 und wurde besiegelt durch die Schlacht von Alcântara, heute ein Stadtteil von Lissabon. König Felipe II. von Spanien, ältester Sohn des Habsburger Kaisers Karl V., wurde anschließend als Felipe I. auch König von Portugal.

Die Zeit des Zusammenschlusses von Spanien und Portugal sollte nicht lange dauern – sechzig Jahre, um genau zu sein – aber in dieser Zeit fand ein kulturell höchst fruchtbarer Austausch zwischen den ehemaligen Nachbarländern statt. Es war nämlich die Zeit, die von den Spaniern als „Siglo de Oro“ bezeichnet wurde und wird, als Goldenes Zeitalter. Ihrem Land ging es wirtschaftlich sehr gut, gleichzeitig blühte das kulturelle Leben in einem kaum erwarteten Maß.

 

Und Portugal profitierte eher von Spanien, als umgekehrt. Wirtschaftlich und kulturell. Auch der Villancico kam aus Spanien … aber es war eine eher kleine Erbschaft, die Portugal damit gemacht hat. Juan de Encina (1468—1529/1530) jedenfalls hat dem Villancico 1496 in seiner „Arte de poesía castellano“ eine „klassische“ Form gegeben mit je einem „estribillo“ (Refrain) vorne und am Ende und dazwischen einem oder mehreren coplas (Strophen). Für coplas sind verschiedene Besetzungen belegt – von solistischen bis zu vokalen kleineren Ensembles, für den estribillo auch größere Chöre mit bis zu zwölf Stimmen.

Die ursprünglich schmale instrumentale Begleitung von Villancicos ist, je nach Anlass und kirchlichem Feiertag, größer ausgefallen – so üppig, dass Papst Benedikt XIV. 1751 das Singen (und Aufführen) von Villancicos in Kirchen mittels einer Enzyklika verbot.

Die Villancicos, die das Ensemble A Corte Musical auf seiner CD präsentiert, stammen vornehmlich aus zwei handschriftlichen Sammlungen in portugiesischen Bibliotheken in Évora und Elvas [P-Em und P-EVp]. Es hat derer aber viele gegeben, die in einem „Catálogo de villancicos y oratorios“ (Madrid 1990) erfasst und ausgewertet sind.

Wie populär Villancicos schon im 16. Jahrhundert waren, zeigt auch die Tatsache, dass Vihuelisten wie Luys Milan sie in ihren Büchern berücksichtigt haben: In seinem Tabulaturband „El Maestro“ von 1536 stehen sechs Villancicos in Tabulatur für Vihulea de Mano mit Singstimme, drei davon in Spanisch und drei in Portugiesisch!

Rogério Gonçalves und sein Ensemble A Corte Musical haben selbst zwei instrumentale Kompositionen für ihr CD-Programm geliefert: „Ponteio barroco“ und „Lundù da corte“ – wie das sicher in der hohen Zeit des Villancico in Spanien und Portugal üblich war. Instrumentale Umrahmungen wurden auch vor über dreihundert Jahren schon nicht nach Noten gespielt, sondern eher improvisiert oder aus eigenem Material eingebracht.

Das Ensemble macht das sehr gut, sehr authentisch. Besetzt ist A Corte Musical mit zwei Violinen, Barockgitarre und Theorbe, Spanischer Harfe, Violone, Barockfagott und Schlagwerk. Dazu die Sänger: zwei Soprane, Altus und Tenor.

Villancios sind volkstümlich – ob sie nun profane oder sakrale Texte haben. Und diese Volkstümlichkeit stellen die Musiker von A Corte Musical mit Leidenschaft und Leichtigkeit und nicht mit aufgesetzt steifleinener Klassik dar. Endlich, endlich können Musiker, wenn sie Alte Musik spielen, aus dem Bauch agieren und nicht nach Handbüchern über historische Aufführungspraxis! Ob dabei eine Rolle spielt, dass Rogério Gonçalves, der Chef des Projekts, Brasilianer ist? Gut, die portugiesischen Villancicos hat er vielleicht schon in seiner Heimat kennengelernt, die vor über sechshundert Jahren von Portugiesen „kolonianisiert“ worden ist und deren Sprache er schließlich als „Muttersprache“ gelernt hat. Aber das ist nicht alles! Mit seinem Ensemble hat er bewiesen, dass es geht: Man kann in einer Evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz vital-katholische, lebensnahe oder weltliche Musik so aufführen, dass sie einem ans Herz geht! [… schreibt ein überzeugter Rheinländer!]