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Marin Marais Images CD 400x356Marin Marais: Images
Mieneke van der Velde, Viola da Gamba; Fred Jacobs, French Theorbo
Werke von Marin Marais, Etienne Le Moine und Robert de Visée
Aufgenommen im Mai 2011, erschienen 2013
RAM 1205, im Vertrieb von Note-1
… so belgisch, belgischer geht‘s nicht …

Marin Marais (1656–1728) war Gambist am Hof Ludwigs XIV. in Paris. Nein, mehr: Marais war die zentrale Figur des französischen Gambenspiels seiner Zeit. Was das Komponieren angeht, war er Schüler von Jean-Baptiste Lully und hat vier Opern geschrieben, ein Te Deum, Konzerte … in Erinnerung geblieben ist er aber wegen seiner Gambenmusik, die zwischen 1686 und 1725 in fünf Bänden erschienen ist: über 550 Kompositionen für jeweils eine oder mehrere Gamben mit basso continuo.
Es waren vornehmlich Suiten, die Marais veröffentlicht hat, Folgen von Tanzsätzen mit den herkömmlichen Einzelsätzen wie Courante, Sarabande und Gigue, aber auch Novitäten wie „Tombeaux“ und „Pièces de Charactère“, wie Marais Sätze wie „Le Troilleur“ oder „La simplicité paysane“ genannt hat. Diese Kompositionen, die formal frei angelegt sind, sind Programmmusik oder enthalten einfach nur lautmalerische Elemente wie etwa die Nachahmung einer Musette (eines Duckelsacks, wenn es um bäuerliche Szenen geht) oder auch sehr gezierte wie in „La Fière“ (die Stolze).

Diese Musik hat etwas durch und durch Elegantes und, wenn man sie in einer Interpretation wie der jetzt vorliegenden hört, sehr Sinnliches. Alte Musik? Verstaubt oder in Formalin? Dass ich nicht lache! Dies ist vitale, lebendige, in allen Farben schillernde, Musik fürs Sentiment … und keineswegs nur für den Verstand! Das „Ballet en rondeau“ gleich in der ersten Suiten-Zusammenstellung, bei Marais schlicht als „Pièces en rè mineur“ bezeichnet, zum Beispiel hat etwas sehr Kurzweiliges, Witziges und … na ja … irgendwie Keckes, Freches. Das Ganze wird dann durchbrochen von Virtuosem, von spielerischen Elementen, die nie prahlerisch wirken sondern irgendwie beifällig zwischendurch extemporiert werden. Wie das Ausatmen oder wie ein „Voilà!“.
Es ist, zugegeben, überfordernd zu behaupten, eine moderne Interpretation eines Stücks der Alten Musik sei belgisch. Aber das, was Mieneke van der Velden hier spielt, ist so belgisch, belgischer geht‘s nicht.

Gemeint ist, dass ich beim ersten Ton, den die Gambistin gespielt hat wusste, dass sie aus keiner anderen Schule kommen konnte, als aus der von Wieland Kuijken. Sonst nirgends wird mit einer so großen Mikro- und Makrospannung gespielt wie dort in Antwerpen oder Brüssel um die Kuijkens herum. Und nirgends wird diese Spannung so intensiv im Zusammenspiel gepflegt und konzentriert wie dort. Es ist faszinierend … wenn auch gelegentlich leicht manieriert, gekünstelt. Aber Wieland Kuijken hat eine ganze Generation Musiker geprägt – und zwar keineswegs nur Gambisten! Aber beim Gambenspiel ist dieses ständige Spiel um Spannungen auf jedem einzelnen Ton, diese Agogik und dieser dynamische Druck im Detail besonders offenkundig und berührend.

Aber spielt hier nicht eigentlich Mieneke van der Velden und nicht Wieland Kuijken? Sie ist eine Musikerin, die schon in allen möglichen Orchestern und Ensembles dabei war. Bei Ton Koopman, René Jacobs, Philippe Herreweghe, Konrad Junghänel und anderen. Und eigentlich ist es nicht angemessen, sie mit „Schülerin von“ kategorisieren zu wollen. Mieneke ist eine sehr selbstbewusste Musikerin, die das komplette Ausdruckspotential zur Verfügung hat und auskostet. Vom virilen Stampfen bis zur bäuerlichen Schlichtheit, vom Höfischen bis zum Stolzen, sie hat es drauf!