Drucken

Ida Kind Rund 300x300Les Compositions de Ida Presti pour deux Guitares
Olivier Chassain & Stein-Erik Olsen
Aufgenommen im April 2009
SIMAX PSC 1289, im Vertrieb von Klassik Center Kassel
… eine besondere CD …

Dass Ida Presti eine Ausnahmemusikerin war, wissen wir … mindestens haben wir es gelesen. Dass sie – wie viele ihrer Kolleginnen und Kollegen – komponiert hat, ist auch bekannt. Aufnahmen gab es aber bisher nicht. Im Anhang zu Eleftheria Kotzias Artikel bzw. der mit diesem Artikel verbundenen Diskographie, stand ein Verzeichnis von Ida Prestis Kompositionen … allerdings, wie man jetzt sieht, ein mehr als unvollständiges.

An Solowerken hatte Eleftheria gelistet:

Segovia
Etude à ma mère
Prélude (Hommage à Bach)
Prélude pour Alexandre

Ein stark erweitertes Verzeichnis der Stücke für zwei Gitarren wird jetzt durch das Programm der CD Olivier Chassain und Stein-Erik Olsen geliefert:

Presti ChassainLa Hongroise (1959)
Danse d’Avila (1957)*
Danse Gitane (1957)
Espagne (1966)
Prélude (1958)*
Berceuse à ma mère (1957)
Étude Nº 1 (1956)*
Valse de l’An nouveau (1955)
Tarantelle (1959)
Bagatelle (1964)
Sérénade (1955)
Étude fantasque (1966)

Drei dieser Stücke sind bei Ricordi erschienen (*), alle anderen, herausgegeben von Olivier Chassain, bei Bèrben in Ancona.

Erfahrungsgemäß neigen komponierende Instrumentalisten dazu, in Stücken die Vorzüge ihres jeweiligen Instruments oder ihre eigene Virtuosität geschickt zwar, aber unverhohlen und über Gebühr ins rechte Licht zu rücken. Und wenn sie das nicht tun: Instrumentalisten verfangen sich, wenn sie komponieren, gern in idiomatischen Floskeln, die sie vom Üben „in den Fingern haben“. Oder sie begnügen sich damit, ihr Improvisiertes aufzuschreiben und als Kompositionen vorzustellen.

 

In welche Kategorie gehören die Kompositionen von Ida Presti? Und warum hat sie komponiert? War ihr das Repertoire, das für zwei Gitarren zur Verfügung stand, nicht groß oder gut genug? Oder empfand sie sich als Komponistin und weniger als Gitarristin? Ihre Stücke für Gitarrenduo liegen nun auf CD vor und helfen vielleicht, Antworten auf diese Fragen zu finden. Notenausgaben erscheinen demnächst bei Berbèn.Wir wissen, was Ida Presti selbst über ihr Komponieren gesagt hat: „Je ne me prétends pas du tout compositeur, mais simplement guitariste qui écrit pour son instrument“ [Booklet S. 12] … „ich bin keineswegs Komponistin, sondern einfach Gitarristin, die für ihr Instrument schreibt.“ Das klingt wie ein Bescheidenheitstopos, ist aber ernst gemeint … und auch die stilistische Vielfalt ihrer Stücke deutet in diese Richtung. Olivier Chassain meint dazu im Booklet zu seiner und Stein-Erik Olsens CD [S. 12]: „Elle relève d’un torrent intérieur si impétueux, drainant tant d’alluvions stylistiques, elle est vraiment la somme d’affluents – pour ne pas dire d’influences – de tous bords“ … „Sie erlebt einen starken inneren Strom, aus dem sie so viele stilistische Anregungen bezieht. Ja, sie ist die Summe vieler Eindrücke, um nicht zu sagen Einflüsse verschiedener Art.“ Ida Presti hat keinen Personalstil ausgeprägt und durchsetzen wollen, „sie war Gitarristin und hat für ihr Instrument geschrieben.“

Mit „La Hongroise“, einer Hommage an Béla Bartók, beginnt das Programm. Es ist mit achteinhalb Minuten das längste Stück der CD. Ida Presti hat sich bei diesem Stück an der Tradition der Trauermusiken orientiert, wie sie in der Lautenmusik des 18. Jahrhunderts häufig zu finden sind und schließlich in der „Homenaje“ von Manuel de Falla ein allgemein bekanntes Denkmal gefunden haben … als Tombeau (Grabstein) auf die musikalische Tradition und Kunstform des Tombeau sozusagen. Ida Presti spielt nach der einleitende Elegie mit stilistischen Elementen, die man mit Bartók in Verbindung bringt, mit rhythmischen Versetzungen und auch mit Melodiefragmenten, die einen erinnern. Es sind keine zwingenden Assoziationen, mit denen sie plakativ umgegangen wäre, aber durchaus plausibel.

„Espagne“ ist direkter. Da erkennt man durchaus Tanzformen, die einem Spanien-Aficionado bekannt vorkommen. Albéniz habe Ida Presti im Handgepäck immer dabei gehabt, schreibt Olivier Chassain, als sie als Gitarristin durch Europa getourt ist. „Espagne“ war das letzte Stück, das Ida Presti schreiben konnte bevor sie am 24. April 1967 starb.

Étude Nº 1 ist eine Etüde, kein Zweifel! Da bemühen sich zwei Gitarristen ihre parallel gesetzten Stimmen parallel zu spielen, und das in punkteverdächtigem Tempo! Das ist eine hehre Aufgabe, der Olivier Chassain und Stein-Erik auf bewundernswerte Art nachkommen! Sie haben nicht die blinde Übereinstimmung der beiden brasilianischen Brüder, die in diesem Zusammenhang gern zum Vergleich herangezogen werden, aber sie passen.

Die „Danse Gitane“ von 1957 ist eine Huldigung an die Zigeuner, oder, politically correct, Sinti und Roma. Ida Presti hat, so liest man, eine enge Freundschaft zu Django Reinhardt und seinen Musikern gepflegt. Mit diesem Stück, das einerseits von seinem melodischen Material lebt, andererseits von raffinierten Klangeffekten, die den Hörer irgendwie ins arabische Spanien entführen, unterstreicht sie, wie wichtig ihr diese Beziehung gewesen ist.

Die „Tarantelle“, die im Untertitel zu meinem Erstraunen „Danse baroque“ heißt, ist erwartungsgemäß ein Rundtanz, der sich auf der Basis einer ostinaten Bassfigur dreht, ganz in der Tradition von Passamezzo oder Passacaglia, und darüber eine Vielfalt melodischer Ideen entwickelt um schließlich … nein, nicht von der Tarantel gestochen in eine Stretta zu münden, wie das Tarantellas oft tun, sondern mehr oder minder plötzlich auszuklingen.

Wenn Ida Prestis persönlicher Stil darin bestanden hat, dass sie keinen verriet, sondern sich von zahllosen musikalischen Ideen inspirieren (oder infizieren?) ließ, dann garantiert das auf jeden Fall eines: Langweilig wird es beim Anhören ihrer Stücke nie! Und beim Spielen können sich Gitarristen nicht über mangelnde Beschäftigung beklagen. Ida Presti war Primaria des damals weltbesten Gitarrenduos und natürlich kannte sie die Möglichkeiten, die ihr Ensemble mit ihrem musikalischen und Lebenspartner Alexandre Lagoya hatte.

Olivier Chassain und Stein-Erik Olsen genießen es ganz offenbar, sich in den musikalischen Welten zu bewegen, die Ida Presti für uns erschlossen hat. Dabei forschen sie dem Klang des legendären Duos Presti/Lagoya nach und spielen dabei die beiden Gitarren von Robert Bouchet aus den Jahren 1958 und 1959, die das Duo auf dem Höhepunkt seiner Karriere für Konzerte und Aufnahmen benutzt hat. Die Instrumente gehören heute dem Musée de la Musique in Paris, dessen Kurator, Joël Dugot, sie im Booklet der CD beschreibt.

Es ist eine besondere CD geworden, die Olivier Chassain und Stein-Erik Olsen, beides Schüler von Alexandre Lagoya übrigens, da vorgelegt haben. Sie wird helfen, die Erinnerung an Ida Presti wach zu halten, die „eine phänomenale Musikerin, ein legendärer Virtuose, eine großzügige, liebenswürdige Frau, ein Genie“ war, wie Eleftheria Kotzia geschrieben hat.