Giuliani pop

mitsalas TychyThe Italian Tradition
Werke von Tárrega, Legnani, Regondi, Castelnuvo-Tedesco und Domeniconi
Aufgenommen im Juli 201m erschienen 2012
ClearNote 74575
… Gitarrist mit großen Möglichkeiten …

Thanos Mitsalas kommt aus der Schule von Costas Cotsiolis. Ihn, Cotsiolis, kenne ich als Klang-Macho mit extrem reduziertem Repertoire. Von den Kompositionen, die er spielt, liefert er gelegentlich Referenzeinspielungen ab – aber es sind nicht viele, denen er die Ehre gibt. Das sowjetische Label MELODIYA hat 1983 eine LP mit Werken von Bach, Barrios und anderen von Cotsiolis herausgebracht und die enthaltene Aufnahme von BWV 998 (Präludium, Fuge und Allegro) belegt, dass Cotsiolis’ spätere Entscheidung, sich aus diesem „klassischen“ Repertoire herauszuhalten, richtig war. Er hat nicht wirklich Zugang zu Stücken dieser Art.

Was hat das mit Thanos Mitsalas zu tun? Nun, der hat bei Cotsiolis studiert und zwei Aspekte dessen, was er bei diesem begnadeten aber irgendwie ignoranten musikalischen Zauberer gelernt hat, die Lust auf Klangfülle nämlich und das demonstrative Hervorkehren technischer Brillanz, die hat er sich zueigen gemacht! Satter, runder Gitarrenklang umfängt einen beim Hören seiner CD.

MItsalas CDThanos Mitsalas beginnt sein Programm mit Variationen über „Mein Hut, der hat drei Ecken“ oder, pardon, über „Carnaval de Venecia“ von Francisco Tárrega. Es ist ein wirkungsvolles Stück, bei dem allerdings – bei allem Respekt -- alle billigen (freilich auch die teureren) Tricks genutzt werden, die ein Gitarrist im Portefeuille hat, wenn er sein Publikum beeindrucken will. Tremoli, Arpeggien … alle Vorführeffekte, knapp zehn Minuten Show!

Die Variationen sind ein anerkanntes und geprüftes Stück Gitarrenmusik, das das Label „klassisch“ trägt … obwohl es – wie andere Stücke von Francisco Tárrega – unter „Salonmusik“ auch nicht falsch einsortiert wäre.

Am Schluss des Programms hören wir noch ein Stück, das viel Effekt mit wenig Aufwand erbringt: „Koyunbaba“ von Carlo Domeniconi. Und natürlich wissen wir: Es funktioniert! Dieses Stück hat, als es herauskam, die gesamte Gitarrenwelt so beflügelt, dass Musiker, von denen man vor „Koyunbaba“ wenig bis nichts gehört hatte, im Handumdrehen zu Virtuosen wurden.

Zwischendurch gibt es in Thanos Mitsalas’ CD-Programm zwei Stücke von Mario Castelnuovo-Tedesco, „Fantasia“ op. 19 und desselben „Capriccio Diabolico“; die Fantasia op. 19 von Luigi Legnani; „Rêverie“ op. 19 sowie „Introduction und Caprice“ op. 23 von Giulio Regondi. Alles Stücke, die dem Virtuosen Tribut zollen … aber warum sollte Thanos Mitsalas nicht zeigen, was er kann? Er geht traumwandlerisch sicher mit den Schwierigkeiten um, die in den Stücken bereitgehalten werden, verliert nie die Contenance und ist bei allem noch in der Lage, den Stücken seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Und genau hier erkenne ich wieder etwas, das Thanos von seinem Lehrer Costas Cotsiolis mitgenommen hat: sein Timing. Liegen nicht beispielsweise im Dosieren von Pausen, im Ausdehnen oder Verkürzen von Spannung tragenden Vorhalten, im Pointieren oder Über-Pointieren von Punktierungen essentielle Elemente von „Handschriften” einzelner Interpreten? Diese Eigenarten kann man unter „Agogik“ subsumieren, sie gehören aber nicht der Kategorie der entfremdenden agogischen Eigenwilligkeiten an, die wir als Hörer von Gitarrenmusik bestens kennen. Thanos Mitsalas zum Beispiel bewirkt mit den minimalen, rechnerisch in keine Waagschale fallenden Verschiebungen, eine höhere Theatralik, als ich den Variationen über „Carnaval de Venecia“ jemals zugetraut hätte.

Thanos Mitsalas ist ein Gitarrist mit großen Möglichkeiten. Leider hört man in letzter Zeit nicht mehr viel von ihm. Eine zweite CD mit Musik von Sergio Assad ist beim gleichen Label herausgekommen – ich werde darüber berichten!