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Puget Musiker Louis XIV kleinToyohiko Satoh: De Visée
Aufgenommen im Juni 2012
CARPE DIEM Records CD-16296, in Deutschland bei NAXOS
… Gelassenheit und Erfahrung …


Robert de Visée: Livres de Pièces pour la Guittare
Krishnasol Jiménez, „Sabionari“ Guitar (1679) by Antonio Stradivari
Aufgenommen im Juni und September 2012, erschienen 2013
Brilliant Classics 94435
… das ist schon hohe Kunst! …


Robert de Visée (ca. 1660—1732) war Musiker am Hof Ludwigs XIV. (1638/1643—1715) in Versailles. Laute, Theorbe und Gitarre waren seine Instrumente. Gitarristen ist er vornehmlich bekannt geworden durch seine Suite d-Moll, die in Einzelsätzen von Napoleon Coste in seinem „Livre d’Or du Guitariste“ herausgegeben worden ist und danach Karriere gemacht hat. Segovia hat eine Suite eigenen Zuschnitts daraus gemacht und schließlich Karl Scheit, dessen Ausgabe bei der Wiener Universal Edition über Jahre zu den Bestsellern an Gitarrenmusik gehört hat.

Bild: François Puget: Die Musiker Ludwigs XIV. Es besteht Unsicherheit, welche Musiker abgebildet sind. Es wurde vermutet, der Mann rechts mit Laute und Gitarre sei Robert de Visée. Jetzt ist man sicher, dass dies Jean-Baptiste Lully ist.

Es ist noch nicht lange her, da wusste die Gitarrenwelt von de Visées Kompositionen für Laute oder Theorbe nichts … mindestens hatte niemand je eine davon gehört. Als dann 1980 bei Minkoff in Genf das Faksimile der Handschriften 279.152 und 279.153 der Bibliothèque Municipale in Besançon, Manuscrit „Vaudry de Saizenay“, herauskam, wuchs nicht nur das Interesse an de Visées Musik schlagartig, auch kümmerten sich Lautenisten vermehrt darum.

CD SatohCD JimenezJetzt hat Toyohiko Satoh eine CD mit Lautenkompositionen des „letzten großen Lautenisten in Frankreich“ herausgebracht: zwei Tombeaux, eines davon auf du But („Tombeau de Du But, Allemande“), eines auf den alten Gallot („Tombeau du Vieux Gallot, Allemande“), dazu die üblichen Tanzsätze. Gespielt wird auf einer originalen Laute von Laurentius Greiff aus Ingolstadt aus dem Jahr 1610. Das Instrument ist vermutlich acht- oder zehnchörig gebaut und dann 1673, aus dieser Zeit findet sich ein Zettel in dem Instrument, in eine „französische Laute“ mit elf Chören umgebaut worden.

Um ehrlich zu sein, treibt mich die Ehrfurcht vor dem über vierhundert Jahre alten Instrument nicht auf die Knie! Im Gegenteil habe ich hie und dort den Eindruck, als habe die Laute ihre gute Zeit hinter sich: Ich höre knorrige Klangverweigerungen, wenig freies, offenes Schwingen und schließlich ein Maß an Nebengeräuschen, das vermeidbar wäre. Vielleicht sind Fans von authentischen Rekonstruktionen älterer Musikinstrumente irgendwie befangene Gutachter für Schallaufnahmen dieser Art: Man weiß, dass die Musiker vor rund dreihundert Jahren nicht auf Instrumenten gespielt haben, die mehrere hundert Jahre alt waren – warum sollten wir das heute also tun? Es gibt exzellente, gut klingende Nachbauten … und mit Verlaub: Ist denn eine Laute, die im Verlauf ihrer, sagen wir, vierhundertjährigen Geschichte so oft beschädigt, restauriert, umgebaut, erweitert oder repariert worden ist, wirklich ein „originales Instrument“?

Toyohiko Sato spielt die Musik mit enormer Gelassenheit und Erfahrung, mit Ruhe und generösem Timing … so, wie ich sie mir im Schloss des Sonnenkönigs vorstelle. Hektik, Stress und Aufregung hat es da sicherlich nicht gegeben … und schon gar nicht zu Zeiten, zu denen Robert de Visée zu spielen hatte. Als Lautenspieler war er für die musikalische Dekoration des täglichen „lever du roi“ zuständig, der Zeremonie des Aufstehens, der frühen Stunden des Königs. Zahlreiche Bedienstete waren dabei zugegen, darunter Musiker; aber auch Minister, die Ideen vortrugen und Bürger, die zur Morgenaudienz kamen.

Musik für elfchörige Laute und, mehr noch, die für Deutsche Barocklaute oder Theorbe wirkt groß und prachtvoll – nicht laut, aber eindrucksvoll aufgrund ihrer Klangfülle und ihres Tonumfangs. Eben dieser klangliche Charakter ist es, der ein gewisses Tempo und ein gewisses Timing verlangt. Für nervöses Virtuosentum sind diese Lauten nicht gemacht. Toyohiko Satoh präsentiert die Musik von Robert de Visée in ihrer royalen Größe.

Gitarre wurde am Hof des Sonnenkönigs zu anderen Zeiten gespielt! Es war die fragil klingende, fünfchörige Barockgitarre, um die es hier geht und die stand Laute und Theorbe, was Lautstärke angeht, weit nach. Musik, auf der Barockgitarre gespielt, war etwas für den Abend … und genau da spielten Gitarristen, unter ihnen Robert de Visée, ihrem König auf … beim „grand coucher du roi“. Das war Teil der Zeremonie kurz vor dem Schlafengehen des Königs … wo er natürlich – wie beim „lever“ – nicht allein war. Mindestens der eine oder andere Musiker war zur Unterhaltung des Königs anwesend, aber auch Garderobenmeister und andere Diener. Es folgte das „petit coucher du roi“, bei dem nur noch Familienangehörige Zugang zu den königlichen Räumen hatten. Louis XIV. hat nicht nur Gitarrenmusik beim „coucher“ geschätzt, sondern speziell Robert de Visée, den er dann anforderte.

Krishnasol Jiménez spielt vier Suiten aus den Gitarrenwerken von Visée. Auch er bedient sich dabei eines originalen Instruments, einer ganz besonderen Gitarre nämlich von Antonio Stradivari. Von Stradivari, der uns hauptsächlich als Geigenbauer bekannt ist, sind fünf Gitarren überliefert. Eine davon, die „Sabionari-Gitarre“, ist 1679 fünfchörig entstanden und dann an einen Giovanni Sabionari verkauft worden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ist sie in eine Gitarre mit sechs Einzelsaiten umgebaut worden. Die französischen Gitarrenbauer Françoise und Daniel Sinier de Ridder haben schließlich in den Jahren 2010—2011 die Gitarre in ihre ursprüngliche Behalsung und Besaitung zurückgebaut und in einen spielbaren Zustand versetzt. Keine andere der erhaltenen Stradivari-Gitarren ist spielbar.

Die Stradivari-Gitarre ist nicht nur spielbar, sie ist in einem wunderbaren Zustand, sehr fein klingend, obertonreich und kristallklar. Jiménez, 1978 in Mexico City geboren, hat zunächst in seiner Heimat studiert, danach in Madrid bei Gerardo Arriaga und in Basel bei Oscar Ghiglia und später Hopkinson Smith. Sein Spiel auf der Barockgitarre ist unverkrampft, frei und klangbewusst. Er ist weit von den Spielstandards der „klassischen Gitarre“ entfernt, auch wenn er aus dieser Tradition kommt. Aber so leicht von „Rasgueado“ zu „Punteado“ wechseln zu können, so beiläufig Verzierungen einzufügen, das ist schon hohe Kunst! Tempi und Timing stimmen, Virtuoses ist nicht schwer, sondern leicht und luftig … wie nebenbei.

Diese Musik ist in Paris entstanden, als man sich von Konstruiertem, Kontrapunktischem lossagte und Galantem und Empfindsamem den Weg bereitete.

„Aber ad propos was ist galant und ein galanter Mensch? Dieses dürffte uns in Wahrheit mehr zuthun machen als alles vorige, zu mahlen da dieses Wort bey uns teutschen so gemein und so sehr gemißbraucht worden …“ schrieb Christian Thomasius 1687 in seinem Buch „Von Nachahmung der Franzosen“.