Giuliani pop

GuitaromanieGabriel Schebor: La guitarra revolucionaria y romántica
Werke von Sor, Pedro Ximenes Abril Tirado, Juan Pedro Esnaola, Nicanor Albarellos und Fernando Cruz Cordero
Aufgenommen im Juli 2011, erschienen 2012
VOICE OF LYRICS VOL BL 705
… charmant und amüsant …

Schebor CDDer Argentinier Gabriel Schebor spielt auf seiner CD Musik des frühen 19. Jahrhunderts … allerdings Musik von Komponisten, die hier bisher nicht bekannt sind. Sechs Bagatellen („Mes Ennuis“) op. 43 von Fernando Sor gibt er, der ist freilich bekannt, aber dann folgt Musik von Pedro Ximenes Abril Tirado (1780—1856), Juan Pedro Esnaola (1808—1878), Nicanor Albarellos (1810—1891) und Fernando Cruz Cordero (1822—1861). Alles Originalkompositionen für Gitarre und alle Komponisten sind Lateinamerikaner!

Wir sehen an den Lebensdaten der Akteure, dass die Gitarrenbegeisterung des 19. Jahrhunderts in Südamerika später einsetzte, als in Europa. Waren die europäischen Gitarristen wie Carulli, Giuliani oder Sor in den 1770er und 1780er Jahren geboren, sind ihre Nachfolger und Epigonen in Argentinien, Uruguay oder Peru – die jedenfalls, deren Stücke wir auf der CD von Gabriel Schebor hören – eine Generation später zur Welt gekommen. Ausnahme ist Pedro Ximenes Abril Tirado, der „nur nebenbei“ Gitarrenmusik geschrieben hat – darunter übrigens einhundert Menuette, die zum Teil bei Richault in Paris erschienen sind, sowie Kammermusik mit Gitarre. Aber Pedro Ximenes Abril Tirado hat „eigentlich“ Messen komponiert, 43 an der Zahl, und Motetten und ist schließlich als Kapellmeister an der Kathedrale von Sucre, der Hauptstadt von Bolivien, gestorben.

Informationen über die Gitarristen/Komponisten, um die es hier geht, liefert natürlich das „Diccionario de Guitarristas“ von Domingo Prat. Leider ist dort Pedro Ximenes Abril Tirado nicht vertreten – die anderen schon! Prat erwähnt auch Esteban Massini, dem Schebor eine Rolle im Verbreiten europäischer Gitarrenkultur in Südamerika vor zweihundert Jahren zuschreibt. Massini war ein italienischer Gitarrist, der 1822/1823 nach Buenos Aires kam und nach Montevideo und dort quasi die Guitaromanie begründete. Dabei hat er nicht nur die Werke seiner italienischen Landsleute nach Südamerika gebracht, sondern auch kompositorische Modelle, die in Europa populär waren, und Spieltechniken.

Die Musik, die Gabriel Schebor auf seiner CD präsentiert, unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was zur gleichen Zeit in Europa komponiert und gespielt worden ist. Ähnliche Formen, ähnliche kompositorische und spieltechnische Gepflogenheiten … entstanden sind originelle, flüssig geschriebene Stücke wie etwa eine anonyme Sonate, deren Manuskript sich in einer privaten Bibliothek in Sucre befindet.

Die Musik, die wir zu hören bekommen, ist so etwas, wie die Unterhaltungsmusik des gebildeten lateinamerikanischen Bürgertums, die, wie in Europa, in den Salons ausgeübt wurde. Dort wurde aber nicht nur musiziert, dort wurde auch diskutiert und debattiert. Gabriel Schebor schildert die angespannte politische Situation zur Zeit der lateinamerikanischen Unabhängigkeitskriege in seinem Begleittext. Und er beschreibt die kontroversen Positionen von Rationalisten, Nationalisten, Enzyklopädisten und Saint-Simonisten, die vermutlich in den Diskussionen in den Salons zum Ausdruck kamen. Wie weit die eher zarte und liebliche Musik, die wir hören, zu politischen Diskussionen passt, die in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen geführt wurden, weiß ich nicht wirklich … aber wie Salon-Diskussionen ausufern können, wissen wir aus „La Guitaromanie“ von Charles de Marescot!

Die dargestellte Musik ist weder aufregend noch machohaft virtuos; sie ist nicht süßlich, noch ist sie anbiedernd gefällig. Es gibt ein paar Bonbons darunter, auch ein paar Überraschungen … die fünf anonymen Sätze aus einer Handschrift des „Archivo Gerolamo Folle“ zum Beispiel. Bei ihnen ist vermutlich ein polnischer oder immerhin europäischer Gitarrist und Komponist am Werk gewesen. Die Satzfolge „Varsoviana“, „Polka“, „Redova“ und „Cachucha“ und natürlich die Musik, die sich dahinter verbirgt, sprechen für eine recht intime Kenntnis europäischer Volksmusik. Aber, wie gesagt, Musiker wie Esteban Massini brachten europäische Musik nach Südamerika und dort ist sie aufgenommen, gepflegt und in Umlauf gebracht worden.

Gabriel Schebor spielt eine darmbesaitete Gitarre von etwa 1820. Sie stammt von einem Instrumentenmacher namens Bonnel aus der Gegend von Rouen. Gabriel geht mit dem Instrument höchst sensibel um, überfordert die Gitarre nicht und gibt ihr die Möglichkeit zu schwingen und ihren Klang zu entfalten. Die Musik, die er präsentiert, ist zwar in den Salons von Buenos Aires oder Montevideo gespielt worden … aber ist es Salonmusik? Übervirtuos sind die Stücke nicht, sentimental auch nicht unbedingt und einen Hang zu kleinbürgerlichem Kitsch finde ich keineswegs. Es ist ziemlich leicht fassbare und ebenso leicht spielbare Gebrauchsmusik, die uns Gabriel Schebor auf seiner CD vorführt. Und diese Leichtigkeit macht sie charmant und amüsant. Vielleicht sollte Gabriel Schebor in Betracht ziehen, eine Neuausgabe der bislang unbekannten Kompositionen herauszugeben!