Giuliani pop

Diaz Vol 1Segovia Vol 7The Legend of Alirio Diaz Vol. 1
Werke von Frescobaldi, Sanz, Scarlatti, Bach, Haydn, Sor, Tárrega, Albéniz, Villa-Lobos, Barrios, Gómez Crespo, Borges, Llobet, Lauro, Sojo
Aufgenommen zwischen 1956 und 1960, erschienen 2013
IDIS 6660, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen …

The Art of Andrés Segovia Vol. 7
Werke von Frescobaldi, Weiss, Bach, Aguado, Granados, Albéniz, Mendelssohn-Bartholdy, Debussy
Aufgenommen 1961/1962, erschienen 2013
IDIS 6661, in Deutschland bei Klassik Center Kassel
… gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen …

Maestro Alirio Díaz war 27 Jahre alt, als er 1950 nach Spanien ging, um in Madrid bei Regino Saínz de la Maza zu studieren. In seinem Heimatland, Venezuela, hatte er vorher bei Raúl Borges gelernt und studiert, aber Alirio war Hals über Kopf in das Gitarrespiel von Andrés Segovia (1893—1987) verknallt, den er 1945 in Caracas gehört hatte. Segovia war – das kann man sich heute kaum noch vorstellen, weil jeder Musik- und Gitarrefreund Dutzende professionelle Gitarristen kennt, die auf hohem bis höchstem Niveau spielen – Segovia war damals der unangefochtene Matador, das Maß aller Dinge! Und auch, wenn er seit seinen späten Jahren derbe Kritiken einstecken musste und wenn es Menschen gibt, die immer schon gewusst haben, dass sein Spiel eher selbstverliebter Kitsch war als eine ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit der Musik: Andrés Segovia war zu dieser Zeit der wichtigste und einflussreichste Gitarrist der Welt!

Aber Alirio Díaz wollte erst sein Studium beenden, ein Diplom machen, und das ging damals in ganz Europa nur in Madrid bei Regino Saínz de la Maza. Nach einem Jahr Studium hatte er sein Diplom und dazu eine Art Sonderbelobigung für besonders begabte Studenten.

 In der Zwischenzeit, 1950, hatte Segovia angefangen, jährlich Kurse bei der Accademia Musicale Chigiana in Siena zu geben: „Corso di Perfezionamento per Chitarra“. Von 1951 an bis 1956 war Alirio Díaz dann jeden Sommer unter den Studenten, danach gehörte er zu den Dozenten oder leitete die Kurse eigenverantwortlich.

Die jetzt erschienene erste CD mit historischen Aufnahmen von Alirio Díaz enthält Studioaufnahmen aus den Jahren 1956 und 1960 und ist nicht nur interessant für diejenigen, die hören wollen, wie Maestro Díaz damals, als junger Mann, gespielt hat. Sie ist auch wieder einmal eine Bestandsaufnahme dessen, welches Repertoire zu dieser Zeit gespielt wurde. Ergebnis: Natürlich sind es weitgehend Stücke, die Maestro Segovia zur Verfügung gestellt hat und dazu, am Schluss, einige Kompositionen aus Díaz’ Heimat: Raúl Borges und besonders Vicente Emilio Sojo. Auf Musik dieser Art hätte er sich damals übrigens kaprizieren sollen! Mit ihr hätte er sich als etwas Besonderes ausgewiesen und nicht als jemand, der ein Repertoire rauf und runter spielt, an dem sich alle messen und das alle so spielen wollten, wie Segovia himself.

Aber wahrscheinlich war die Zeit nicht reif für Repertoire-Experimente! Wahrscheinlich wären die Gitarristen mit Stücken, die Ihnen nicht von höchster Stelle, sprich: Segovia, vorgeführt worden waren, überfordert gewesen. Segovia war ja bekanntlich mit Kompositionen, die er nicht selbst bestellt oder transkribiert hatte, sehr vorsichtig. Nie hat er beispielsweise ein Stück von Barrios gespielt, dabei hätte dessen „Danza Paraguaya“, die auf der CD von Alirio Díaz zu hören ist, durchaus zu ihm gepasst.

Alirio Díaz spielt auf dieser CD – seinem Alter entsprechend – jugendlich frisch, ungestüm und hie und dort auch mit einer erstaunlichen Naivität. Sein Tremolo in „Recuerdos de la Alhambra“ ist klar, deutlich … und rasend schnell; „Asturias“ durchhastet er; die Mozart-Variationen (ohne Introduktion natürlich!) sieht er eher sportiv; selbst die 1000er-Fuge von Johann Sebastian Bach kommt mir wie eine Art musikalischer Marathon vor, bei dem es nicht unbedingt auf Eleganz oder Laufstil ankommt, sondern aufs Durchkommen. Da wird wenig gestaltet und wenig abgegrenzt oder gegenübergestellt, dafür gibt es zwischendurch Temposteigerungen, die nach der jeweiligen schnellen Stelle wieder zurückgenommen werden. Präludium und Fuge (zum Glück ohne das Allegro) BWV 998 werden wie am Schnürchen abgespielt … allerdings auch ohne gestalterische Bemühungen, die ein technisches „Bewältigen“ übersteigen.

Und doch! Alirio Díaz’ Aufnahmen sind über sechzig Jahre alt. Sie sind entstanden in einer Zeit, als die Gitarre gerade erst eine Art von Bühnenkarriere machte, die vor dem Krieg zwar schon einmal begonnen worden, dann aber von Faschisten in Spanien und vor allem Deutschland zunichte gemacht worden war.

Und Andrés Segovia? Seine Aufnahmen auf der IDIS-CD sind ungefähr zur gleichen Zeit entstanden, wie die von Alirio Díaz … allerdings war Segovia damals schon fast fünfzig Jahre im Geschäft. Natürlich gibt es eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Aufnahmen. Schließlich hat Díaz bei seinem Vorbild viel abgeguckt, viele agogische Details und vor allem seinen äußerst großzügigen Umgang mit vorgegebenen Partituren. Segovia machte aus jedem Musikstück, auch oder gerade, wenn es ein barockes Meisterwerk war, eine regelrechte Klangorgie, deren Regie ausschließlich seinem Kommando unterstand. Da wurde nicht gefragt, wie das Stück wohl zur seiner Entstehungszeit gespielt worden war oder wie der Komponist es gewollte hatte … nein, da wurden Glissandi oder Portamenti da gespielt, wenn sie Segovia entweder technische Hilfestellungen gaben oder schlichtweg, wenn er sie an dieser Stelle für schön und angemessen hielt.

Und doch! Andrés Segovia war zu dieser Zeit der wichtigste und einflussreichste Gitarrist der Welt! Er spielte himmlisch und stellte die Gitarre auf ein neues Podium. Sie, die Gitarre, war plötzlich ein Instrument, deren Interpreten zusammen mit den großen Geigern, Pianisten und sogar Dirigenten auf einer Bühne standen respektive saßen. Noch fünfzig Jahre vorher, zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, beklagten die wenigen übriggebliebenen Freunde der Gitarre, ihr Instrument sei völlig aus der Musikpraxis verschwunden. Danach, durch Francisco Tárrega und seine Schüler, wurde das Instrument in völlig neue Sphären gehoben. Die Gitarre war innerhalb weniger Jahre zu einem Instrument der „Klassischen Musik“ mutiert. Und der erfolgreichste der Tárrega-Schüler war ohne Zweifel Andrés Segovia! Er war nicht nur der erfolgreichste, er war gleichzeitig derjenige, der seinen Erfolg am längsten auskostete. Er hat das zwanzigste Jahrhundert bestimmt, was die klassische Gitarre angeht … alle anderen Karrieren gingen auf ihn zurück, weil die neuen Musiker entweder von seinen Schülern oder Schülersschülern inspiriert oder unterrichtet worden sind … oder, weil sie ein Feld beackert haben, das von Segovia vorbereitet worden war.
Alírio Diaz ist ein prächtiges Beispiel. Er hat bei Raúl Borges, dem „Maestro de maestros de la guitarra Venezolana“ studiert. Dann hat er 1945 Maestro Segovia in Caracas gehört und wollte bei ihm studieren. Und egal, ob er wegen Segovias musikalischer Genialität zu ihm wollte oder wegen seiner beherrschenden Position im Musikleben: Alírio Diaz’ Leben ist durch Segovia maßgeblich bestimmt worden … wie das Leben vieler anderer Musiker durch Segovia maßgeblich bestimmt worden ist.
Die beiden neuen CDs bei IDIS (Istituto Discografico Italiano) jedenfalls sind Abbilder wichtiger Dokumente der Gitarrengeschichte und gehören in die Sammlung jedes Gitarre-affinen. So, wie die beiden, spielt heute hoffentlich niemand mehr. Aber wer weiß? Immerhin gibt es ja auch heute noch Musiker, die leugnen, dass zu den Mozart-Variationen von Fernando Sor eine Introduktion gehört.