Giuliani pop

Stenstadvold 400x559Erik Stenstadvold, Guitar Methods, 1760—1860, Hillsdale/NY und London 2010, Pendragon Press, ISBN-13 978-1-57647-185-2, US-$ 65,—, Vertrieb in Europa: Eurospan Group

Dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele Gitarrenschulen erschienen sind, wissen wir, außerdem sind zu diesem Thema bereits Untersuchungen erschienen. Eine umfassende bibliographische Studie, wie sie jetzt von Erik Stenstadvold vorgelegt worden ist, fehlte aber bisher.

Stenstadvold behandelt Gitarrenschulen, die zwischen 1760 und 1860 erschienen sind und provoziert mit dieser zeitlichen Eingrenzung naturgemäß die ersten Fragen: 1. Warum 1760 und 2.: Warum 1860? Die Frage nach dem terminus post quem ist dabei relativ leicht zu beantworten. In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts hat sich, was die Geschichte der Gitarrenmusik angeht, etwas Wesentliches ereignet. Komponisten, Interpreten und Lehrer begannen nämlich, sie nicht mehr in Tabulatur aufzuschreiben, sondern in Notenschrift, wobei sich sehr bald die Schreibweise auf einem System mit tiefoktaviertem Violinschlüssel durchsetzte, wie wir sie heute noch benutzen.

1860, does not represent a similar milestone, a termination date had to be set, and one hundred years is is in itself a well-defined period. Equally important, however, is that from the middle of the nineteenth century the guitar fell more and more into oblivion as a serious instrument: it became mostly associated with popular songs and light music. Most of the relatively few tutors that were published after 1860 reflect that sad state of affairs. With their limited scope, they are generally of less interest to guitarists and guitar historians of today.“ (S. xi). Es gab also nach 1860 noch ein paar Lehrwerke für Gitarre, sie waren aber zahlenmäßig und, was ihre Auslegung angeht, nicht mehr interessant genug, in der Bibliographie behandelt zu werden, obwohl: „In a few cases, I have nevertheless included methods or new editions published after 1860 in order to give a more complete picture of a particular author’s output“ (S. xi, FN 2).

Verzeichnet hat Erik Stenstadvold Unterweisungsbücher für „instruments normally classified as Spanish guitar or variants thereof.“ Der Begriff „Spanish guitar“ wird selbst im Englischen seit Jahren nicht mehr verwendet … obwohl jeder weiß, was er meint: „instruments with five or six strings (or courses), sometimes with extra basses, in »normal» tuning“. Schulen für siebensaitige russische Gitarre sind nicht berücksichtigt, ebenso „for practical reasons“ solche nicht, die außerhalb Europas und Nordamerikas erschienen oder in Schriften verfasst sind, die nicht auf das lateinische Alphabet zurückgehen.

Damit sind russische Schulen gleich zweimal ausgeschlossen, nämlich 1., weil sie Instrumente voraussetzten, die nicht „normal“ gestimmt waren und 2., weil sie nicht in lateinischer, sondern kyrillischer Schrift verfasst und gedruckt vorliegen. Leider sind auf diese Weise russische Schulen für sechssaitige Gitarre unberücksichtigt geblieben … und die hat es gegeben!
Dass Stenstadvold die – zugegeben beherrschende – Gitarrenstimmung als „normal“ betrachtet und gleichzeitig alle anderen von weiteren Betrachtungen ausschließt, ist eine mindestens fragliche Entscheidung. Auch, dass Schulen in anderen als lateinisch buchstabierten Sprachen a priori nicht erwähnt werden oder solche, die weder in Europa noch Nordamerika erschienen sind, und dass dafür „technische Gründe“ herhalten müssen, kann nicht kommentarlos hingenommen werden.

Eine Rezension ist nicht der Platz, über den Umfang oder die Bedeutung eventuell nicht berücksichtigter Publikationen Auskunft zu geben, aber Stenstadvold ist seinen Lesern mindestens einen Hinweis in der Sache schuldig geblieben. Vor allem russische Gitarrenschulen vermisse ich schmerzlich … zumal der Autor auch Lehrwerke für durchaus weiter von der „Norm“ abweichende Instrumente in sein Buch aufgenommen hat: „I have included tutors for some unique and short-lived hybrid instruments related to the guitar: the two-necked guitar invented and described by Le François in 1785, the ten-string decacorde by F. Carulli, from 1826, and the three-necked harpolyre constructed and described by J. F. Salomon in 1830.“

Die Bibliographie von Erik Stenstadvold enthält mehr als 300 unterschiedliche Lehrwerke von über 200 verschiedenen Autoren und, wenn alle Neuauflagen etc. mitgezählt werden, waren es über 400 Schulen, die in den hundert Jahren zwischen 1760 und 1860 erschienen sind. 1825 hat der französische Gitarrist Charles de Marescot geschrieben (Méthode de Guitare, op. 15, Paris 1825, S. 8): „Il n’y a peut-être aucun instrument pour lequel on ait publié autant de méthodes que pour celui-ci …“ („Wahrscheinlich gibt es kein Musikinstrument, für das so viele Lehrwerke geschrieben worden sind, wie für dieses“). Kann es sein, dass sich diese Situation bis heute nicht geändert hat? Immer noch erscheinen ziemlich häufig neue Gitarrenschulen, die gegeneinander im Kampf um die Gunst der Gitarrenlehrer antreten. Im Gegensatz dazu sind die Standardwerke der Klavier-, Geigen- oder Gesangspädagogik seit vielen Jahren etabliert und unumstritten.

Die Bibliographie von Erik Stenstadvold ist, sieht man von eingangs erwähnten Einschränkungen ab, mustergültig. Die Haupteinträge sind alphabetisch nach Autoren oder Herausgebern geordnet. Die Liste hat also als zweiten Eintrag: AGUADO, DIONISIO (1784—1849). Danach folgen dessen verschiedene Veröffentlichungen zum Thema in chronologischer Reihenfolge. Bei der bibliographischen Listung sind Plattennummer, Seitenzahl, eventuelle Datierung etc. angegeben sowie der genaue Fundort mit Bibliothek (mit dem jeweiligen RISM-Sigel) und Signatur, außerdem eventuelle Reprints.

Vorweg stehen Kurzlisten mit sämtlichen Gitarrenschulen in chronologischer Reihenfolge nach Ländern geordnet, abgeschlossen wird das Buch mit den üblichen Listen der verwendeten Literatur und einem Index, geordnet nach Autoren, Verlegern, Instrumenten (Decacorde, Harp-guitar, Lyra etc.), Gitarrenbauern (erwähnt in den Gitarrenschulen), Volksmelodien (in den Gitarrenschulen erwähnt) und Widmungsträgern.

Zielgruppe sind eindeutig die Gitarrenhistoriker, und die werden ob des Buches jubilieren … wenn sie nicht auf russische Gitarrenmusik des 19. Jahrhunderts spezialisiert sind.