Giuliani pop

CD English SongsIm Moment wird er an der Düsseldorfer Oper als Xerxes in der gleichnamigen Oper von Georg Friedrich Händel gefeiert, im März gibt er den Nero in „Agrippina“, auch von Händel, in Gießen und ein paar Tage später singt er in der Chapelle Royale im Schloss Versailles in Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“. Die Rede ist von Valer Barna-Sabadus, dem neuen Stern am Himmel der Countertenöre, dem Liebling der Musikkritiker … oder, sagen wir, mindestens derjenigen, die ein Faible für Barockmusik haben. Die jedenfalls überhäufen ihn mit Huldigungen.

Jetzt liegt die dritte Produktion mit Barna-Sabadus bei OEHMS vor: „English Songs“ von Henry Purcell, Nicola Matteis und John Dowland:

… to touch, to kiss, to die …
Valer Barna-Sabadus, Countertenor; Olga Watts, Cembalo; Axel Wolf, Laute; Pavel Serbin, Barockcello
Aufgenommen im September 2012
OEHMS OC 870, im Vertrieb von NAXOS
… Muster an Klarheit und Tonschönheit …

Ensemble English SongsUnd tatsächlich: Die überschwänglichen Elogen der Kollegen sind nicht unberechtigt. Valder Barna-Sabadus ist, was sein Singen angeht, ein Muster an Klarheit und Tonschönheit … aber das ist es nicht allein. Er zelebriert jede Melodie, führt sie vor und kostet sie aus, und das tut er auf betörende Art. Durch sein bewusstes Einsetzen von Crescendi und Diminuendi auf einzelnen Tönen erzeugt er Spannungen, die der Musik eine enorme innere Kraft verleihen und dabei das Wechselspiel von harmonischer An- und Entspannung unterstützen oder ihm gelegentlich auch entgegenlaufen. Das alles gelingt Barna-Sabadus besonders in elegischen Passagen, aber auch in eher positiv orientierten, nicht der zeittypischen Grundhaltung verpflichteten Liedern, zum Beispiel in „I attempt from Love’s Sickness“ von Henry Purcell. Auch in diesem Lied beklagt der Sänger, er wolle sich von seiner „Love’s sickness“ befreien, das versucht er aber mit eher fröhlichem Gesang … obwohl er schließlich doch erkennen muss:

 

For Love has more Pow’r, and less Mercy than Fate,
to make us seek ruin,
to make us see ruin,
and love those that hate.

Nicola Matteis d. Ä. (ca. 650—1714 ?) war Italiener, in Neapel geboren, und kam als Geiger und Instrumentallehrer nach England. Dort hat er gelebt und gearbeitet und ist schließlich auch dort, in London nämlich, gestorben. Die Lieder auf der CD entstammen Matteis’ „Collection of New Songs“ aus den Jahren 1696/1699.

Am Schluss des Programms stehen nicht nur die „Lachrimæ Pavan“ von John Dowland, sondern auch vier seiner Lautenlieder, von denen „I saw my Lady weep“ so etwas wie das Mottolied einer ganzen musikalischen und künstlerischen Epoche war. Der Weltschmerz, der hier zum Ausdruck kommt, er war um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert in England die angesagte mentale Grundhaltung und eher so etwas wie eine Modeerscheinung als der Ausdruck nationalen Burnouts oder landesweit verbreiteter Depressionen.

Valer Barna-Sabadus zelebriert dieses Lied, lässt es ausklingen und wirken und konzentriert, auch, wenn er sich als die Hauptfigur des Vortrags so weit wie möglich zurücknimmt, die volle Aufmerksamkeit und das Interesse des Hörers auf sich und auf die Aussage des Liedtextes:

Sorrow was there made fair
And passion wise, tears a delightful thing.

In ihm und schließlich durch den förmlich hinreißend schönen Gesang werden „Tränen zum entzückend Ding”.

Den Schluss macht, irgendwie versöhnlich, Dowlands „Say love if ever thou didst find“. Auch hier dreht es sich um enttäuschte Liebe. Der Sänger fragt, ob es gelingen könne, eine „woman with constant mind“ zu finden. Er findet sie schließlich, sie aber meint „no, no, no, and only no“. Trotzdem ist die musikalische Grundstimmung dieses kürzeren Lieds eher volkstümlich, freudig.

Sparsam, sehr sparsam sind in das Programm auch instrumentale Stücke eingeflochten, darunter ein anonymer Ground für Cembalo solo, „S. Justinas“ für Gambe und die bereits erwähnte „Lachrimæ Pavan“ von John Dowland. Der Auftritt von Valer Barna-Sabadus auf dieser CD ist die spektakuläre Entdeckung, allerdings stand ihm ein sensibel agierendes Ensemble zur Seite, von dem jedes einzelne Mitglied in einem der Solo-Einschübe die Chance bekam, sich zu präsentieren. Aber man blieb bei Kammermusik … nichts für Rampensäue!

Das Stück „S. Justinas“ von Anthony Poole (ca. 1629—1692) für Viola da Gamba solo, geht zurück auf eine der zu Pooles Zeit immer noch beliebten Ostinatoformeln und ist hier mit knapp acht Minuten Dauer das längste Solostück. Pavel Serbin, der Gambist und Cellist der Aufnahme, hat nach seinem Studium in Moskau in Den Haag bei Wieland Kuijken studiert, behauptet hier aber seine eigene musikalische Diktion. Die unverkennbare Kuijken-Spielweise, die für etliche Jahre in den Niederlanden bei Alter Musik vorherrschte und die gesamte Musikausübung Europas beeinflusste, hört man in den letzten Jahren seltener. Damit verschwindet einerseits eine unverkennbare Handschrift, es wird aber Raum für neue Ansätze geschaffen … und der wird genutzt, wie man hier hören kann!