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Jens Rosteck, Hans Werner Henze: Rosen und Revolutionen. Die Biographie. Berlin 2009, Propyläen, ISBN 978-3-549-07350-6], € 26,95

Hans Werner Henze wurde am 1. Juli 1926 in Gütersloh geboren. 2006 ist er also achtzig Jahre alt geworden und im nächsten Jahr, 2011, wird er fünfundachtzig. Einer dieser stattlichen Geburtstage war vermutlich Anlass für die vorliegende ebenso stattliche Biographie, wenn nicht überhaupt die Tatsache, dass über diesen „großen Komponisten […] eine der wichtigsten und international angesehensten Musikerpersönlichkeiten der Gegenwart“ [Klappentext] bisher (mindestens in deutscher Sprache) vergleichsweise wenig (biographisches) veröffentlicht wurde. Hans Werner Henze war zeit seines Lebens eine sperrige und streitbare Persönlichkeit, sein Werk hat in keine Schublade gepasst und er war in heftige Skandale verstrickt, was ihn für verschiedene Publizisten interessant, für andere aber zur persona non grata machte. Weder ist Literatur zu Henzes Biographie erschienen, noch umfängliche Werkbetrachtungen oder überhaupt ein (offizielles) Werkverzeichnis. So nennt Jens Rosteck sein Buch auch selbstbewusst „Die Biographie“: Es gibt keine andere!

Hans Werner Henze war ein Linksintellektueller – auch schon zu Zeiten der Adenauer-Republik und in den sechziger Jahren. Als 1968 der Studentenführer Rudi Dutschke am Berliner Ku’damm mit Schüssen schwer verletzt wird, nimmt er ihn auf, um ihm eine Zeit der Rekreation zu gewähren. „Auf den Genossen Henze ist Verlass. Er nimmt ein hohes Risiko auf sich. Dennoch macht er nicht viel Aufhebens von seiner noblen Geste.“ (S. 316) „Man stelle sich vor: Die gedemütigten, gemarterten Agitprop-Helden Berlins, Zielscheiben der Bild-Zeitung und des Kleinbürger-Hasses, gerettet und beschützt von zwei Schwulen in einem Dekor des Überflusses und der Dekadenz, inmitten von Pailletten und spätrömischen Kulissen!“. Paparazzi des Stern stöberten Dutschke und seine Frau Gretchen schließlich bei Henze auf und bereiteten der Idylle ein Ende. Und dass Henze ein Jet-Set-Linker war, einer, der sich als Millionär hinter linken Parolen versteckt und sich mit ihnen interessant gemacht hat, das ist ihm immer wieder vorgeworfen worden. Nicht nur wird dieses Argument heute noch gern gegen

Sozialdemokraten (oder schlimmere Linke) verwendet um sie unglaubwürdig zu machen (Beispiel: Toskana-Fraktion), Henze hat auch vielen durch sein Komponieren Angriffsflächen geboten. Gegen das berühmte und immer wieder herbeigezerrte Diktum von Adorno, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, hat er geschrieben und komponiert – das jedenfalls haben ihm seine Widersacher immer wieder vorgeworfen. Und überhaupt Darmstadt und Donaueschingen! Im Oktober 1957 haben Boulez, Stockhausen und Nono, „das Triumvirat der Vorreiter überhaupt“ während einer Uraufführung die Fronten klar definiert: Sie „erhoben sich noch in den Einleitungstakten von ihren Sitzen und marschierten geschlossen aus dem Konzertsaal. [… Diese Geste] galt einem als »verpönt« erklärten Ästhetizismus“ (S. 414). Nicht, dass es keine Befürworter der Henzeschen Linie gegeben hätte, nein, aber man ließ „jahrzehntelang keine anderen musikalischen Standpunkte mehr als zeitgemäß und fortschrittlich gelten“. (S. 415—416).

Als Webern-Epigone konnte sich Henze nicht sehen, obwohl er seine (Weberns) Musik nicht ablehnte, wohl aber die „Fehldeutung seiner Ästhetik.“ In einen „gesamtgesellschaftlichen Konflikt von ungekannten Ausmaßen“ (S. 290) war Henze verwickelt, als 1968 in Hamburg sein Oratorium „Das Floß der Medusa“ uraufgeführt werden sollte. Das Stück war eine „Hommage an den im Oktober 1967 in bolivianischer Gefangenschaft ermordeten Che [Guevara]“. Die Besetzung war hochkarätig, es handelte sich um eine Auftragskomposition des NDR. Auf dem Podium hing eine rote Fahne, von Studenten dort kurz vor der Aufführung installiert, und dieses Stück Stoff löste den Skandal aus. Mitglieder des teilnehmenden RIAS-Kammerchors lehnen es ab, unter diesem „Symbol für die kommunistische Umzingelung ihrer Freiheitsoase »Westberlin« zu singen“ (S. 287), die Situation eskalierte, die Aufführung platzte. Zur gleichen Zeit hörten nichtsahnende Musikfreunde im NDR das Werk in einer Aufnahme der Generalprobe vom Vortag. Aber es war nicht die rote Gesinnung, die man Henze nach dieser verunglückten Premiere vorwarf, rot, wie die Fahne, die den Eklat ausgelöst hatte, nein, „man beschuldigte ihn, im Grunde nur links mitzumischen, um nicht von allen Seiten vom musikalischen Fortschritt überholt oder überrollt zu werden, um nicht »out« zu sein“ (S. 298). Der Spiegel schrieb eine Woche nach der nicht stattgefundenen Aufführung: „»Sein Floß treibt, wie alle Henziaden, im Sog der Konterrevolution. Während sich Nono, Berio und Boulez seit annähernd zwanzig Jahren durch Serien, Aleatorik und Elektronik zur neuesten Musik vortasten« und damit augenscheinlich Spiegel-konform, also »politisch korrekt« handelten, muss man aus heutiger Sicht wohl hinzufügen, »ist Henze der alte Ästhet, der gepflegte Epigone, der geschmäcklerische Eklektizist geblieben«.“ (S. 299) Und tatsächlich, Hans Werner Henze und sein Lebensgefährte Fausto Moroni lebten in einer Idylle, die kaum zu beschreiben ist: „Als bekennender Marxist residiert er nichtsdestotrotz wie ein moderner Nachfahre der Medicis in einem italienischen Schloss, das mit Hausangestellten, sämtlich junge Männer, ausstaffiert ist“ (Tim Page 1981, S. 421). Ein Paradoxon ist auch, dass Hans Werner Henze vor den Ex-Nazis der Adenauer-Zeit geflohen ist und jetzt seit Jahren glücklich und zufrieden in einem Land lebt, „an dem jeder kulturelle und wirtschaftliche Fortschritt vorbeigezogen ist, ein Land, das von einem Zyniker regiert wird, angeklagt wegen Steuerbetrugs, Bilanzfälschung, Mittäterschaft bei Anschlägen – Anklagen, die mit Freispruch, Archivierung, Verjährung, Mangel an Beweisen oder Verurteilungen mit anschließender Amnesie endeten.“ (Petra Reski, S. 411) Paradoxon? Am Schluss des eigentlichen Buchtextes wird ein Postscriptum angefügt: „Mitten in die Schlussredaktion des vorliegenden Buches platzte die vermeintliche „Bombe“ der nachgewiesenen – oder nahegelegten – NSDAP-Mitgliedschaft Henzes. Die Zürcher Weltwoche berichtete im Februar 2009, im Bundesarchiv in Berlin, wo die Mitgliedskartei der NSDAP lagert, sei überraschend eine darin aufbewahrte Karteikarte aufgefunden worden, die den damals siebzehnjährigen Sohn Franz Henzes „unter der Nummer 9884828 als Parteimitglied verzeichnet.“ (S. 475) Der Antrag stammt vom 18. April 1944 und ist nicht unterschrieben. „Henze fiel aus allen Wolken.“ So etwas wie ein Mitläufer oder Jasager ist Hans Werner Henze nie gewesen. „Das doofe Dur der Angepassten und Mitlaufenden bekam man von Henze […] nie zu hören.“ (S. 477) Damit ist die Akte geschlossen worden. Die eine oder andere Service-Leistung fehlt mir bei dem Buch … zum Beispiel, dass man in einem Register nachschauen kann, welche Kompositionen wo behandelt werden. Aber da tiefgehende Werkbetrachtungen ohnehin nicht geliefert werden, ist eine solche Hilfe entbehrlich. Ach ja: Denjenigen, der dieses Buch als Gitarrist liest, als jemand, der sich vornehmlich für die Gitarrenstücke interessiert, die Hans Werner Henze geschrieben hat, muss ich warnen. Weder, was „Royal Winter Music“ angeht noch die „Äolsharfe“ oder „Kammermusik 1958“ werden Sie viel Verwertbares in diesem Buch finden. In der Chronologie (S. 543—568) findet man die betreffenden Werke zwar, aber mehr als das Uraufführungsjahr und den Uraufführungsort verrät der Autor nicht. … was keineswegs heißen soll, dass die eben charakterisierten potentiellen Leser nicht wesentlich von der Lektüre des Buches profitieren. Man erfährt viel über den Menschen Hans Werner Henze und über seine Ansichten über Musik … und über das Leben, die Liebe und den Genuss. Das Buch zu lesen, ist ein sinnliches Vergnügen. Eine Geschichte erzählt Jens Rosteck, und da ist es auch nicht schlimm, wenn er manchmal vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, wenn er springt und auch, wenn er eine Menge Informationen, die man vielleicht erwartet, nicht liefert. Aber Henze kennt man nach der Lektüre der knapp sechshundert Seiten.