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Le Rappel des Oiseaux CDLe Rappel des Oiseaux – Michel Grizard, guitare
Werke von Dowland, Sylvius Leopold Weiss, Bach, Rameau
Aufgenommen im Oktober 2016, erschienen ℗ 2017
Gitarre: Daniel Friederich 2007
SKARBO DSK 1171, im Vertrieb von NAXOS
… diese Sphäre von Eleganz, Großzügigkeit und Versailles …

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Michel Grizard ist hier irgendwie weitgehend unbekannt. Warum? Weder ist er ein Jungkünstler, der an seiner Karriere bastelt, noch einer, der es auf internationale Bühnen nicht geschafft hätte. Im Gegenteil!
Michel Grizard hat am Pariser Konservatorium bei Ramón Cueto und Alexandres Lagoya studiert und danach mehrere renommierte Wettbewerbe gewonnen. Das Repertoire der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert liegt ihm besonders am Herzen und das spielt er auf zeitgenössischen Instrumenten – daneben befasst er sich intensiv mit Neuer Musik. Hier, auf der CD aus dem letzten Jahr, spielt er Musik zwischen John Dowland (1563—1626) und Jean-Philipppe Rameau (1683—1764) … dazwischen Weiss und Bach.
Alles Transkriptionen … und das ist so etwas, wie der rote Faden, an dem das gespielte Repertoire aufgereiht ist: Transkriptionen von Werken der sehr späten Renaissance und sehr (spät-) barocker Kompositionen unterschiedlicher Provenienz und unterschiedlicher ursprünglicher Besetzung.

Mich hat die Suite Nº 25 von Weiss besonders überrascht und erfreut. Es ist die, welche Eugen Dombois 1971 als „L’infidèle“ erstmalig auf der Barocklaute eingespielt hat (LP SEON „Die Barocklaute“ Nº 1, 30385 DX). Eigentlich, das heißt, nach der Zählung der verbindlichen Weiss-Gesamtausgabe, ist dies allerdings – nebenbei bemerkt – die Sonata Nº 29.
Die Suite (oder Sonata) hat mich vom ersten Moment an fasziniert – wie offenbar auch Eugen Dombois, der vor ziemlich genau vier Jahren in Basel gestorben ist (Lebensdaten: 1931–2014). Damals wurden noch nicht viele Werke von Weiss auf der Laute gespielt – es war die Zeit der Pioniere der Alten Musik! Dombois war – wie mein Lehrer Michel Schäffer – Schüler von Walter Gerwig in Köln und gehörte zu den Ersten, die konzertant Barocklaute gespielt haben und als Professor an einer Hochschule Laute unterrichteten. Dombois und Schäffer haben schließlich die Elite der europäischen und internationalen Lautenisten unterrichtet … Konrad Junghänel, Hopkinson Smith, Paul O’Dette und wie sie alle heißen …
Michel Grizard spielt Gitarre und – um ehrlich zu sein – kann ich auf der Gitarre gespielter Lautenmusik selten viel abgewinnen. Es ist nicht nur der Klang und die klangliche Leichtigkeit der Laute, die mir fehlen, es ist auch nicht unbedingt die Tatsache, dass Lautenisten prinzipiell besser [sic!], das heißt sachgerechter, mit Alter Musik umgehen als Gitarristen … es ist das Phänomen, dass mich immer, wenn ich barocke Lautenmusik (auf der Laute gespielt) höre, diese Sphäre von Eleganz, Großzügigkeit und Versailles umgibt, die ein Gitarrist auf seinem sechssaitigen Instrument selten hinkriegt. Michel Grizard schafft es, er spielt große Barockmusik! Und natürlich ist ihm als Franzosen Versailles näher als uns … wobei natürlich „Versailles“ hier nur eine Metapher ist, die für royale Pracht, Glanz und Gloria steht, für sehr Irdisches.
Übrigens kommt Michel Grizard auf der CD seinem Heimatland von Stück zu Stück näher. Als nächstes spielt er die „Suite Française“ BWV 812 von Johann Sebastian Bach, die natürlich nur im übertragenen Sinn französisch ist. Immerhin stellt sie aber eine Reminiszenz an französiche Instrumentalmusik dar, unter anderem an den „style luthé“ der auf die Lautenmeister des 17. Jahrhundert Bezug nimmt.
Und schließlich Rameau „Der unsterbliche Rameau ist das größte musikalische Genie, das Frankreich hervorgebracht hat.“ Schrieb Camille Saint-Saens, der sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts um die Wiederentdeckung seines Kollegen bemühte. Wenn sich heute Gitarristen um Rameau bemühen, dann meistens über dessen Cembalowerke. Ebenso geht auch Grizard vor. Eines der Werke auf seiner CD ist „Le rappel des oiseaux“, Konferenz der Vögel. Es stammt aus dem zweiten Zyklus der „Pièces de clavecin“ aus dem Jahr 1724.
Michel Grizard spielt (auch bei den weniger französischen Werken) ziemlich französisch, mit einer Vielfalt an agréments und sehr französischer Diktion. Ja, die gibt es und sie ist auch durchaus bekannt und definiert – vor allem, wenn es um Barockmusik geht. Mehr noch: Sie ist eigen und sofort zu erkennen, allerdings ist sie – zugegeben! – eher auf Streichinstrumenten zu realisieren oder auf anderen legato-fähigen Instrumenten, zu denen Zupfinstrumente nicht wirklich gehören. Trotzdem kann man einem legato auf Laute und Gitarre ziemlich nah kommen, wenn man sich ernsthaft darum bemüht … das ist allerdings mit ziemlich viel Aufwand und Aufmerksamkeit verbunden.
Michel Grizard bemüht sich nicht nur, er hat auch Erfolg in seinen Bemühungen! Es ist halt nicht die Quadratur des Kreises, um die er ringt, aber die meisten seiner Kollegen beweisen immer wieder aufs Neue, dass ihr Problem ebenso unlösbar ist wie die berühmte Aufgabe der Geometrie.
Uns liegt eine spannende CD mit französischer Musik vor – alles mit viel Geschick und Geschmack für Gitarre transkribiert und schließlich vorgeführt von Michel Grizard. Un grand merci!