Giuliani pop

CD Joao Carlos VictorLaureate Series Guitar: João Carlos Victor
First Prize 2015 Tárrega International Guitar Competition, Benicàssim
Werke von Dowland, Rodrigo, Tárrega, Paulo Rios Filho und Castelnuovo-Tedesco
Aufgenommen im Januar 2016
Gitarren: David Rubio und Carlos Gomes Valentim
NAXOS 8.573670
… eine überzeugende Visitenkarte …

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Der sympathische João Carlos Victor ist Brasilianer: Geboren wurde er in Salvador, Bahia, dort hat er auch studiert. 2008 hat er ein Stipendium der DAAD zugesprochen bekommen und ist nach Nürnberg zu Franz Halász gegangen, kurz danach nach Luzern, um bei Mats Scheidegger weitere Studien zu betreiben. João Carlos Victor spezialisierte sich auf Aufführungen Neuer Musik und damit wurde er schnell international bekannt. Mit mehreren bekannten Komponisten arbeitet er seitdem zusammen … unter ihnen Paulo Rios Filho (* 1985), dessen Werk „Répéter“ allerdings das einzige wirklich neue der NAXOS-CD ist.

Werke zwischen Dowland und Rodrigo bekommen wir zu hören, daneben Tárrega und Castelnuovo-Tedesco. Konventionelles Material, wäre da nicht „Répéter“ von Paulo Rios Filho (*1985). Dieses Stück ist dem Interpreten gewidmet, der es 2014 auch in Basel uraufgeführt hat. „Répéter“ geht auf Ideen des französischen Philosophen Gilles Deleuze zurück (1925–1995), der über Identität, Wiederholung und gleichzeitig Negation nachgedacht hat. Eines seiner Hauptwerke ist „Differenz und Wiederholung“ (als „Différence et Répétition“ 1968 in Paris erschienen, deutsche Erstausgabe München 1992) und die dort veröffentlichten Betrachtungen befassen sich mit dem Gleichen in Wiederholungen und gleichzeitig dem Unterschiedlichsein. Ein Rezensent der deutschen Ausgabe schrieb (Goedart Palm in „Carpe Librum“): „Wenn ich morgens aufstehe und mich wie an jedem Morgen anziehe, ist das die Wiederkehr des Immergleichen. Eine Welt der Wiederholung. Zugleich werde ich aber ganz nach Heraklit nie in dieselbe Hose steigen. Eine Welt der Differenz!“ Und so ist für einen Musiker eine Wiederholung nie eine Wiederholung, es ist immer eine Weiterführung, Vertiefung und mindestens die Gegenüberstellung mit etwas Andersartigem, die schließlich dem Wiederholen Sinn gibt. Dreimal wird in die Komposition „Répéter“, die aus mehreren kurzen Phrasen besteht, die ständig wiederholt und variiert werden, die klare Aufforderung eingestreut „Ne me demandez pas pourquois répéter“. „Répéter“ wird geflüstert, gehaucht – dazwischen perkussive Elemente … in denen das Wiederholen auf nur einen musikalischen Parameter reduziert wird.

„Répéter“ ist ein Stück, in dem die Gitarre nicht auf populär-brasilianische Art gefordert wird. Weder als rhythmische Basis, noch zur Gesangsbegleitung. Und Paulo Rios Filho ist auch kein Gitarrist. Er hat erst wenig für dieses Instrument geschrieben – neben großen Orchesterwerken übrigens und Kompositionen für alle möglichen anderen Besetzungen. „Répéter“ jedenfalls ist ein höchst dramatisches Werk, dessen philosophischer Hintergrund sich nicht unbedingt jedem aufdrängt … allerdings erschließt, wenn er sich damit befasst. Und João hilft durch sein sinnstiftendes Spiel dabei!

In den Dowland-Fantasien, mit denen das Programm gegliedert ist, beweist sich der Interpret als disziplinierter Diener der musikalischen Vorlagen, als jemand, der sich nicht gehenlässt, sondern, ganz im Gegenteil, hintan zu stellen scheint. Und doch erliegt er regelmäßig dem Reiz satter Gitarrenklänge, spielt mit ihnen – in der „Sonata »Omaggio a Boccherini«" von Mario Castelnuovo-Tedesco zum Beispiel. Und er hat auch auch nichts gegen virtuosen Firlefanz. Aber: João verliert sich nie in juvenilem Protzen mit Klang, Tempo oder Extravaganz, wie man es gelegentlich von Wettbewerbsgewinnern und sogar von Alten Hasen der Gitarrenszene hört. Sein Spiel trägt persönliche Züge, sicher. Beispielsweise hat er eine Vorliebe für ausgespielte und ausgedehnte Portamenti, die nicht in den musikalischen Texten stehen – aber das, bitteschön, ist bei Gitarristen nichts Ungewöhnliches. Ein, zwei Generationen vor ihm gehörte es gar „zum guten Ton“.
In seinen Tárrega-Interpretationen („Barcarola Veneziana“, „María“, „Marieta“ und „Mazurca en Sol“) zieht sich João Carlos Victor auf klassische Vorbilder zurück und spielt distanziert und ein wenig kühl. Er erzeugt dann aber Spannung durch maßlos auf die Spitze getriebene Punktierungen und Vorhalte … und präsentiert seinen Zuhörern Stücke, die sie seit langem und von vielen Interpreten kennen, auf eine irgendwie neue Art. Indem er nämlich Salonmusik als Salonmusik spielt und weder als „klassische Kostbarkeiten“, noch als klebriger Kitsch.

João Carlos Victor hat uns eine überzeugende Visitenkarte vorgelegt, die neugierig macht! Er pflegt zwar die eine oder andere altgitarristische Angewohnheit, verfolgt aber insgesamt neue Wege.