Giuliani pop

Lendle WolfgangWolfgang Lendle verstarb unerwartet am Dienstag, dem 16.3.2016 im Alter von 68 Jahren.

Durch einen Kollegen erfuhr ich Mitte April vom überraschenden Tod Wolfgang Lendles. Im Unterschied zu diesem habe ich weder bei Lendle studiert noch private Kontakte zu ihm unterhalten. Trotzdem haben der Mensch und der Künstler Wolfgang Lendle auch für mich eine große Bedeutung.

Zunächst hatten wir beide, der am 5.1.1948 in Ludwigsburg geborene und in Trier aufgewachsene Lendle und ich, Jiri Jirmal als gemeinsamen Lehrer. Der damals auch am Konservatorium in Prag tätige Gitarrenprofessor Jiri Jirmal war zweimal für längere Zeit als Gitarrendozent an der Musikhochschule des Saarlandes beauftragt. In die erste Phase fällt die Studienzeit Wolfgang Lendles, in die zweite meine eigene. Allerdings hatte der Unterricht bei Jirmal eine geringere Bedeutung für Lendle, so äußert sich dieser in einem Interview, als der bei Martin Galling, einem Pianisten und Cembalisten, welcher ebenfalls an der Musikhochschule dozierte. Dieser unterrichtete dort von 1970 bis ins Jahr 2000 das Fach Kammermusik und war für Lendle der eigentliche musikalische Wegbereiter und Mentor.

Hier zeigt sich klar, und in diesem Punkt fühle ich mich ihm sehr eng verbunden, dass Lendle stets über den Tellerrand der Gitarre hinausschauen wollte. Es wird deutlich , dass sein Interresse der Musik in ihrem umfassenden Wesen und ihrer über das eigene Instrument hinausreichenden allgemeinen Bedeutung galt, und eben nicht auf die Gitarrenmusik beschränkt blieb. Durch diese tiefe Einsicht und seine Konzentration auf die pure musikalische Gestaltung, völlig losgelöst von den scheinbaren Widrigkeiten und Beschränkungen der Gitarre, sind ihm Interpretationen gelungen, die auch weit in die Zukunft reichend ihre Gültigkeit und Vorbildlichkeit behalten werden.

Will man ein Werk aus dem spanischen oder südamerikanischen Repertoire in einer hervorragenden Interpretation kennenlernen, so kann man getrost auf die Einspielungen von Wolfgang Lendle zurückgreifen. Dieses gilt in besonderem Maße für die Werke von Tarrega, Rodrigo und Villa- Lobos. Lendles unglaubliche motorische Begabung lässt in keiner Sekunde die spieltechnischen Schwierigkeiten der Gitarre erahnen. Wo andere, und da schließe ich mich selbst gerne ein, sich mühen, bei besonders virtuosen Passagen das angefangene Tempo wenigstens zu halten und so manches Mal daran scheitern, da setzt er noch eins drauf. Die virtuosen Stellen erfahren bei ihm eine Steigerung, wodurch ihre musikalische Wirkung in erstaunlicher Weise verstärkt wird. Lendle kannte einfach keine Barrieren und Grenzen, sondern er machte, was die Musik verlangt. Hiermit versetzt er nicht nur den Hörer in Erstaunen und erzeugt Begeisterung, ebenso bereitet er auch sich selbst damit die größte Freude. Das Zirzensische, Artistische in der Musik schienen ihm ein besonderes Vergnügen zu bereiten. Neben der emotionalen Deutung der Musik ist es dieses, was den wahren Virtuosen ausmacht.

Für den Sonntag, nur wenige Tage nach seinem Tod, hatte Lendle eigentlich die Aufführung des „Concierto de Aranjuez“ mit dem Kasseler Sinfonieorchester geplant und befand sich in den Vorbereitungen dafür. Hier wird deutlich, dass er mitten aus dem auch noch künstlerisch vollen Leben gerissen wurde.Seine Vorliebe für spanische und südamerikansche Musik zeigt sich auch in seiner Diskografie. Besonders empfehlen möchte ich Ihnen die CD „Spanish Guitar Music“ und die Gesamtaufnahme der Werke für Gitarre von Villa- Lobos.

Ich durfte Herrn Lendle vor langer Zeit bei einem Meisterkurs in Waldfischbach- Burgalben in der Pfalz kennenlernen und habe ihn als warmherzigen und bescheidenen Menschen in Erinnerung.

Hiermit möchte ich auch seiner Familie mein herzliches Beileid aussprechen.

Chapeau! Ein Großer ist gegangen

Peter- Christian Reimers