Giuliani pop

Django 400x423Gemeint ist natürlich Django Reinhardt, wie es sich für eine Gitarren- und Lautenzeitschrift geziemt … Wenn ich an meiner Schreibmaschine sitze und über eine Formulierung nachdenke, fällt mein Blick auf eine kleine Gitarre aus Sperrholz anderthalb Meter vor mit an der Wand. Sie ist nicht größer als eine Hand, von der Handwurzel bis zur Spitze des Mittelfingers. Für mich ist sie mehr als ein Souvenir, sie ist eine Art „Reliquie“. Denn sie war die „Eintrittskarte“ zur Wiedereröffnung des „Clubs St. Germain-des-Prés“ in Paris im Mai 1953. Für die Vernissage des Clubs, für seine Wiedereröffnung, hatte man statt gedruckter Einladungen diese kleine Gitarre ausgehändigt, was ich sehr sinnvoll fand, denn Django konnte ja weder lesen noch schreiben. Es war das letzt Mal, dass ich ihn sah und hörte, denn Django starb am 16. Mai 1953 – also vor dreißig Jahren – mit nur 43 Jahren.

Von all den Jazzmusikern, die mir im Lauf meines Lebens begegnet sind, von Armstrong zu Ellington, von Benny Carter zu Red Norvo und Stan Kenton, habe ich mich Django Reinhardt immer besonders verbunden gefühlt. Das begann im März 1935, als ich in der gerade ins Leben gerufenen französischen Zeitschrift „Jazz Hot“ las, dass im Dezember 1934 ein Quintett mit dem Gitarristen Django Reinhardt und dem Geiger Stéphane Grappelli vier Titel für die Marke „Ultraphone“ eingespielt hatten. Die Kritik war so enthusiastisch, dass ich, jung wie ich war, eine „Attacke“ ritt. Ich studierte damals in Königsberg/Pr. und traf beim Mittagstisch öfter einen Elsässer, der im Französischen Generalkonsulat arbeitete. Jung, so hieß er, versprach mir zu helfen. Und bald danach hielt ich die vier Schellackplatten in Händen – ein Kurier hatte sie gebracht. Natürlich nicht meinetwegen, aber immerhin. Der Kurier, ein Feldwebel a. D., fuhr einmal in der Woche von Paris über Brüssel, Amsterdam, Berlin, Danzig, Königsberg, Litauen, Lettland und Estland bis Leningrad, überall diplomatische bzw. konsularische Post in den Städten aus seinem Abteil reichend und umgekehrt genauso. Seitdem hat Django Reinhardt quasi meinen Lebensweg begleitet. Man muss sich vorstellen, was das bedeutete, 1934 im Nazi-Deutschland an ein paar „heiße Scheiben“ zu kommen. Denn einen Geldtransfer gab es nicht; man durfte im Monat zehn Reichsmark ins Ausland überweisen, und die wurden in den Pass eingetragen …!

Django und Schulz Koehn 400x283

Ein Jahr später, 1936, war es mir vergönnt, rund vier Monate in Frankreich zu verbringen, und diesmal sollte ich Django Reinhardt persönlich kennenlernen, sogar auf unvergessliche Art und Weise. Ich wohnte in einem kleinen Studentenhotel im Quartier Latin und besuchte fast täglich meinen Freund Charles Delauny, Sohn des berühmten Malerehepaars Robert und Sonya Delauny. Eines schönen Tages im Oktober fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, an Aufnahmen des berühmten Quintetts des „Hot Club“, so nannte er das Ensemble, teilzunehmen. Am nächsten Tag wurde ich abgeholt. Wir fuhren noch an einem anderen Hotel vorbei, wo wir den farbigen Sänger und Entertainer Freddy Taylor abholen mussten. Die Aufnahmen wurden nämlich für englische Rechnung gemacht, insgesamt sechs, davon drei Kompositionen von Django und drei Evergreens. Diese sollte Freddy Taylor singen, damit sich die Platten besser verkauften. Ich werden den Augenblick nie vergessen, als wir das Studio betraten. Django setzte sich auf ein Podest und schlug die Beine übereinander, um seine Gitarre zu stimmen. Da sah ich, dass seine Schuhsohle herunterklaffte, und dass der linke Ärmel nur mit wenigen Stichen befestigt war, so dass nur das Futter und das Hemd zu sehen waren. Das war also der große Virtuose Django Reinhardt! Die Titel, die Freddy Taylor singen sollte, waren „Nagasaki“ und der Evergreen „Georgia on my Mind“ von Hoagy Carmichael. Doch Taylor erklärte, er wüsste den Text von „Georgia“ nicht. Bescheiden bemerkte ich, dass ich ihn vielleicht zusammenbekäme, setzte mich still in eine Ecke, ließ in Gedanken eine Platte ablaufen und schrieb den Text auf – bis auf einige Takte. Bei denen sang dann Freddy Taylor „scat“, wie man in der Fachsprache sagt. Sie kennen das ja von Louis Armstrong. Aber das dicke Ende kommt noch. Sie können sich nicht denken, wie fieberhaft ich auf das Erscheinen der Platte wartete! Und die Sorge, die ich hatte, wie ich sie erwerben konnte (siehe oben!). Doch seitdem hatte ich einen Stein im Brett, wie man so sagt, bei Django und beim französischen „Hot Club“.

Foto: Das "Cigale" am Pariser Montmartre, wo im Krieg die einzige farbige Band Europas spielte. Sie ist auf dem Foto zusammen mit Django Reinhardt und Dr. Dietrich Schulz-Köhn (in Uniform) zu sehen.
Ein Jahr darauf war in Paris die große Weltausstellung, und aus diesem Anlass gewährten die Nazis eine beschränkte Anzahl von Devisen. Also fuhr ich wieder nach Paris. Diesmal fand ich schon einen ganz anderen Django vor. Er trug einen großen Stetson-Hut, wie ihn die Amerikaner tragen und für den er das Honorar einer ganzen Aufnahmesession ausgegeben hatte, einen hellen Anzug und einen auffallenden Schal. Sein Bruder Joseph ging in angemessener Entfernung hinter Django und trug ihm die Gitarre. Denn bei den Zigeunern herrscht Patriarchat. Zwei Jahre später war Krieg. Da ich von 1941 bis Kriegsende, das ich bei der Invasion in der Bretagne und eingeschlossen in der „Festung St. Nazaire“ erlebte, an vielen Orten Frankreichs stationiert war, hatte ich vielfach die Gelegenheit, Django zu hören.

Django war gewissermaßen auch mitbestimmend für den Beruf, den ich heute ausübe, wovon ich aber seinerzeit noch keine Ahnung hatte. Denn das erste Mal, dass ich vor dem Mikrophon saß, war im Sommer 1943 in Nîmes am Mittelmeer, als ich eine Sendung über Django Reinhardt moderierte! – Unvergesslich ist mir auch das Jahr 1954, als ich wieder in Paris war, und Léo Chauliac, Jazzpianist und auch Begleiter von Charles Trenet, auf der Orgel des „Salle Pleyel“ in der Nähe des Arc de Triomphe die unvollendet gebliebene „Zigeunermesse“ von Django spielte, während in einer Sonderloge seine Frau, sein Sohn und sein Bruder Joseph mit den Tränen kämpften.

Django Reinhardt war ein Ausnahmemensch. Er war schon zu Lebzeiten eine Legende. Für ein Programm fertigte Cocteau eine Zeichnung von ihm an. Er ließ sich auch durch Django zu einer Figur in seinen „Enfants terribles“ inspirieren. Und als er vom Tod Djangos erfuhr, schrieb Cocteau: „Django ist tot. Er war einer jener sanften Wilden, die im Käfig sterben. Seine Rhythmen waren ihm angeboren, so wie dem Tiger die Streifen angeboren sind.“ Ein anderer Dichter setzte ihm in Worten ein Denkmal: James Jones. In seinem Roman „Verdammt in alle Ewigkeit“, der 1951 erschienen ist, schreibt er: „Es gab einfach keine Möglichkeit, etwas Derartiges zu beschreiben, man musste es selber hören, diesen sicheren, schwingenden, niemals schwankenden Takt mit den doppelten oder dreifachen Mollakkorden am Ende der Sätze, von denen jeder die ganze Atmosphäre und die ganze Vielfalt der fröhlich-unglücklichen Tragödie dieser Welt enthielt. Und immer über allem die einfache Tonkette der Melodie, unfehlbar dem Takt folgend, sich mit schnellen, jagenden Arpeggios verwebend und um sich rankend. Immer ging es vorwärts, nie gab es ein Zögern, kein Sicherverlieren, kein Pausieren, um sich zurückzufinden; aus dem festgefügten, leicht akzentuierten melancholischen Jazztakt ging es plötzlich über in den scharfen, wild explodierenden Zigeunerrhythmus, der, während er über das Leben lachte, Tränen vergoss, zu schnell für das Ohr, um ihm zu folgen, zu originell für den Verstand, um ihn zu verstehen, zu kompliziert für das Gedächtnis, um ihn genau zu bewahren.“

Django gehörte der Gruppe der „manouches“ an, das sind Zigeuner französischer Sprache im Gegensatz zu den „romanis“, die Italienisch sprechen. Seine Vorfahren stammen aus dem Elsaß, daher auch der deutsche Name. Reinhardt ist der Name von Djangos Mutter, die sich nie verheiraten wollte. Der Großvater hieß Hoffmann. Am 23. Januar 1910 wurde Django in Liverchies in der Nähe von Charleroi in Belgien geboren. Er war das zweite Kind, und man taufte ihn Jean-Baptiste, doch man rief ihn nur Django. Zur Zeit der Geburt lebte Djangos Mutter mit Jean Vees zusammen, der „Künstler“ war, gelegentlich Geige und Gitarre spielte und auch Klaviere stimmte, aber seine Vaterschaft steht nicht einwandfrei fest.

Django hatte eine turbulente Kindheit. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, befand sich die Familie in Nizza. Weitere Stationen waren Italien, Korsika, Nordafrika. Nach dem Ende des Krieges schlug die Mutter ihren Zigeunerwagen am Stadtrand von Paris in der Nähe der Porte de Choisy auf. Als Django zwölf war, schenkte ihm ein Onkel eine Gitarre. Das Spielen lernte er als Autodidakt. Wie in Zigeunerkreisen üblich, heiratete Django sehr jung. Eines Abends kam er aus dem „Java“ zurück, denn er interessierte sich für jede Art von Musik, von Musette bis zum Jazz; seine Frau schlief schon. Die „roulotte“ war vollgestopft mit künstlichen Blumen, die seine Frau an Friedhofsbesucher verkaufen wollte. Wie das Unglück passierte, ist nie genau geklärt. Jedenfalls entzündeten sich die Blumen explosionsartig, sei es durch einen weggeworfenen Zigarettenstummel oder durch eine umgestürzte Kerze. Im Nu stand der ganze Wagen in hellen Flammen. Django konnte im letzten Moment nach einer Decke greifen, um sich zu schützen, als die Nachbarn schon schrien: „Django ist in der Roulotte“! Das war der 2. November 1928. Django kam ins Krankenhaus, wo er anderthalb Jahre bleiben musste. Zweimal wurde er operiert und allmählich konnte er die linke Hand wieder bewegen. Aber der kleine und der Goldfinger (Ringfinger) blieben steif und eine riesige Narbe bedeckte die linke Hand.

So erklärt sich das unverwechselbare Gitarrenspiel Django Reinhardts, den man im Jazz auch als „single string“-Stil bezeichnet und der in späteren Jahren, als man die Gitarre an den Verstärker anschloss, gang und gäbe wurde, weil man in den vierziger Jahren gleichberechtigt mit einer Klarinette, Trompete oder einem Saxophon mehr Linien als Akkorde improvisierte. Doch Django begnügte sich nicht mit Läufen, er meisterte auch wieder das Barré und wechselte von Linien zu Akkorden, wie es ihm die Fantasie eingab.

Zu seiner Frau fand Django im Frühling 1930 nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus nicht mehr zurück. Ein festes Zuhause gab es nicht, es zog ihn in die Welt. Er lernte viele Musiker kennen und hörte auf Platten den Jazz von Armstrong, Ellington, Bix Beiderbecke, Venuti und Lang. In dieser Zeit wurden in Paris erste Anstalten gemacht, einen „Hot Club“ zu gründen, deren führende Männer Hugues Penassié, Charles Delaunay und Pierre Nourry waren. Zwar hatten sie bald eine eigene Zeitschrift und in Montmartre im IX. Arrondissement auch ein Büro, aber sie wollten auch an die Öffentlichkeit treten. Da kam ihnen der Zufall zu Hilfe.

Im Januar 1934 stellte der Bassist Louis Volan eine Kapelle für Tanztees im Hotel „Claridge“ in Paris zusammen. Am Nachmittag spielte man konventionelle Musik, Tanzweisen, Tangos, Unterhaltungsstücke und ähnliches. Aber in der Pause saß Django Reinhardt, für den nur Musik existierte, in einer Ecke des Künstlerzimmers und spielte für sich. Eines Tages gesellte sich der Geiger Stephane Grappelli zu ihm, was Django sehr beflügelte. Als dann auch der Chef Louis Vola mit seinem Bass einstimmte, hielt es auch den Gitarristen Roger Chaput nicht mehr, und so entstand die Idee des „Quintetts“, zu dem Django bald seinen Bruder Joseph als „Rhythmuslieferanten“ hinzuzog. Die fünf wurden die „Hauskapelle“ des Hot-Club und bestritten in den folgenden Jahren viele Konzerte für ihn. Ende des Jahres 1934 wurden die ersten Aufnahmen gemacht, die in der ganzen Welt eine Sensation hervorriefen. Als ich 1936 im Berliner „Delphi-Palast“ eine Reihe von öffentlichen Vorträgen über Jazz hielt, waren Aufnahmen des „Quintetts“ für mich geradezu eine Waffe, um Vorurteile gegenüber dem verfemten Jazz zu entkräften. Denn hier gab es kein Klavier und kein Schlagzeug, keine „spitzen Trompeten“ und „quäkenden Saxophone“, sondern nur Saiteninstrumente: eine Geige, drei Gitarren (mit Django als Sologitarrist) und ein Bass!

Zu Stephane Grappelli, der ursprünglich neben Geige auch Klavier spielte und noch in der Stummfilmzeit in Pariser Kinos das Geschehen auf der Leinwand begleitete, bestand eine zeitlebens eine Art Hassliebe. Grappelli war der elegante, weltmännische typische Franzose, Django dagegen zeitlebens ein Naturkind. Er hasste Städte und Zivilisation, jede Art von Zwang, etwa Termine, Verträge und andere Arten von Konventionen. Seine Freiheit ging ihm über alles. Es kam vor, dass er zugesagt hatte, in einer „boîte“ zu spielen, doch wenn die Zeit für das Engagement herankam, hatte ihn das Fernweh gepackt, und er war unterwegs in den sonnigen Süden. Wenn er im Hotel wohnen musste, so glich das Zimmer schon bald einem Zigeunerlager. Alles lag auf der Erde, Flaschen, Instrumente, Aschenbecher, Schuhe standen oder lagen auf dem Boden, auch das Geld, zu dem Django nie ein „normales“ Verhältnis hatte. Als man ihm das Angebot machte, in Deutschland zu spielen, verlange er so exorbitante Summen, dass die Vorschläge daran scheiterten. Django hat nur zweimal nach dem Kriege in Deutschland gespielt, in Heidelberg und Bad Nauheim, doch in amerikanischen Clubs, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Typisch für Django war seine Spielleidenschaft, sei es Billard oder an „einarmigen Banditen“, die es schon damals in Paris gab, wenn auch nicht so raffinierte wie heute in Las Vegas. Auch Schach konnte er stundenlang spielen. Typisch für Django waren auch Stolz und Aberglaube. Wenn irgend möglich, drückte er sich darum zuzugeben, dass er nicht lesen und schreiben konnte. Das führte mitunter zu kuriosen Situationen. Um zu beweisen, dass er nicht mit allem und jedem einverstanden sei, zeigte er einmal auf den Passus in einem Vertrag und bestand darauf, dass der geändert werden müsse. Doch Django hatte den Vertrag auf dem Kopf stehend vor sich und der Absatz besagte, dass ihm alle Spesen ersetzt würden. In Paris und in fremden Orten sowieso fuhr Django nur mit dem Taxi, weil er Straßennamen und Metrostationen nicht lesen konnte. Aus dem gleichen Grunde fuhr er auch einmal mit dem Taxi von Knokke nach Paris, denn Fahrpläne konnte er auch nicht lesen. Aber das tat er nur, nachdem er vorher im Spielkasino eine erhebliche Summe gewonnen hatte.

Es wäre aber falsch anzunehmen, Django Reinhardt sei ein ungebildeter Mensch gewesen, der nicht wusste, was draußen in der Welt passierte. Er war ein aufmerksamer Rundfunkhörer und diskutierte in den Bistros oft stundenlang über Politik, Gott und die Welt. Natürlich war Django auch eitel. Wenn er als junger Mensch, als er noch im Wohnwagen am Stadtrand wohnte, ein Engagement hatte, musste ihn bei schlechtem Wetter seine Frau huckepack über verschmutztes Gelände tragen, bis er festen Boden unter den Füßen hatte, damit seine Schuhe schön blank blieben. Von seiner Vorliebe für große helle Hüte und bunte Schals war schon die Rede. Und wenn er ins Studio ging, musste sein Bruder Joseph seine Gitarre tragen, auch wenn sie in Zeitungspapier gewickelt war. Da nimmt nicht wunder, dass Django, zumal, wenn er auch oft naiv war, Äußerlichkeiten nicht nur im Leben, sondern auch im Beruf große Bedeutung beimaß. So sollte er einmal bei einem Gala-Abend in einem Varieté oder Zirkus auftreten. Einer der Musiker sagte, es würde doch gewaltigen Eindruck machen, wenn Django mit seiner Gitarre von der Kuppel herabschwebte. Django war begeistert. Als dann aber ein anderer bemerkte, das Seil könne reißen, verwarf er die Idee sofort wieder. Als bei Kriegsende der Bombenkrieg zunahm, zog Django in ein Hotel in der Nähe der Place Pigalle, weil dort der tiefste Luftschutzbunker von Paris war. Oft suchte er ihn noch vor dem ersten Angriff auf, und wenn die Gefahr vorbei war, musste seine (zweite) Frau Naguine als erste an die Erdoberfläche steigen zum zu prüfen, ob die Luft auch rein sei. Django war aber auch ein Träumer. Als ihm einmal jemand erzählte, die Filmschauspielerin Dorothy Lamour hätte Platten von ihm, malte er sich in Gedanken aus, wie es wohl wäre, wenn er sie in Hollywood besuchen würde. Überhaupt war für ihn Amerika der Inbegriff der Spitze im Schaugeschäft. Doch als er drüben war, war er vom „American way of life“ tief enttäuscht. Die besondere „Weihe“, die er sich erhofft hatte, gab es nicht. Bei der Amerikatournee, die mit Duke Ellington durchgeführt wurde, spielte Django in Chicago, St. Louis, Detroit, Kansas, Pittsburgh und schließlich auch in New York, wo am 23. und 24. November 1946 Konzerte in der Carnegie Hall angesetzt waren. Aber im Hotel traf Django den französischen Boxer Michel Cerdan. Endlich ein Landsmann, endlich konnte er seinem Herzen Luft machen, wieder fröhlich sein. Darüber vergaß er, den Auftritt. Als ihm schließlich einfiel, dass er ja in die Carnegie Hall musste, wusste er nicht mehr, dass es die Carnegie Hall war und wo er überhaupt spielen sollte. Er schwang sich in ein Taxi und fuhr durch halb Manhattan, um den Konzertsaal wiederzufinden. Als er endlich eintraf – ohne Gitarre – (er kannte den Ort von der Probe her wieder) hatte das Konzert schon begonnen. Aber Ellington der Gentleman überbrückte die Panne chevaleresk.

Ja, Django konnte nur in Frankreich leben. Die französische Lebensart, die Mentalität, die Liberalität, das savoir vivre, das entsprach seiner Vorstellung von „leben“. Als das Quintett im August 1939 nach London fährt, um für DECCA Aufnahmen zu machen und Verträge geschlossen werden sollen, die bis nach Australien geführt hätten, da bricht der Krieg aus. Django verlässt das Hotel Hals über Kopf, lässt natürlich wieder seine Gitarre zurück (Bruder Joseph war wohl nicht da), um das letzte Boot über den Kanal zu erwischen. Er konnte nur in Frankreich leben.

Noch ein paar Begebenheiten müssen berichtet werden. Als die Sirenen im Krieg in Paris zu häufig gingen, beschloss Django, in die Nähe des Genfer Sees zu ziehen. Und hier kam ihm der Gedanke, in die Schweiz auszuweichen. Der erste Versuch misslang. Der zweite klappte. Beim Rückweg wurde er von einer deutschen Streife geschnappt und vor den Standortkommandanten gebracht. Der war glücklicherweise ein Fan und ließ ihn laufen. Doch dann kam Django vom Regen in die Traufe, denn nun glaubten die Franzosen, er sei ein Kollaborateur!

Verbürgt ist auch die Geschichte mit dem Auto. Nach einem Engagement im Januar 1938 in England und im Herbst nach einer neuen Tournee konnte Django sich einen Herzenswunsch erfüllen. Er kaufte einen riesigen Buick. Aber da er begreiflicherweise keinen Führerschein besaß, brachte er einen Chauffeur in Livree gleich mit, der das fürstliche Monatsgehalt von 5.000 Francs bekam. Django stachelte ihn zu Höchstgeschwindigkeiten an, während er sich mit seiner Sippe im Fond die Zeit vertrieb. Bei solchem Treiben passierte es dem Fahrer, dass er in den Graben fuhr. Django lachte nur und ließ den Wagen einfach stehen, während der Engländer schleunigst auf seine Insel zurückfuhr.

Django war ein sehr vielseitiger Mensch. Wäre seine linke Hand nicht verkrüppelt gewesen, wäre er auch zweifellos ein brillanter Geiger geworden. Es gibt zwei Beispiele auf Platten, die ihn als Geiger zeigen. Als er im Kriege die Erlaubnis bekam, nach Brüssel zu reisen, gab ihm diese „Freiheit“ so viel Auftrieb, dass er zur Geige griff und den „Blues en mineur“ spielte. Auch spielte er einmal im Übermut auf einer Platte Bass. Aber Django war nicht nur der Gitarrenvirtuose, er war auch Komponist, „Arrangeur“ und Bandleader, wenn gleich die letztere Eigenschaft wohl die geringste war. Was er dachte und sagen wollte, drückte er auf seiner Gitarre aus. Es wäre ihm sicher gelungen, eine hervorragende Filmmusik zu schreiben, und auch seine „Zigeuner-Messe“ wäre sicherlich ein beachtenswertes Werk geworden, wenn nicht immer etwas dazwischen gekommen wäre. Hierbei konnte er sich auf die Hilfe von ausgebildeten Musikern verlassen, etwa Hubert Rostaing und André Hodeir (alias Claude Laurence). Django war auch ein beachtlicher Maler. In seinen letzten Jahren wurde er mehr und mehr zum Einsiedler. Er verkaufte seine Wohnung in Paris und zog nach Samois. Ein Jahr lang rührte er seine Gitarre nicht an. Später schloss er sie an den Verstärker an, doch das ist nicht der echte, der wahre Django Reinhardt. Stundenlang konnte er an der Seine sitzen, angeln und seinen Gedanken nachhängen. Von dort ging er in sein Lieblingsbistro, wo er mit Fischern, Handwerkern und „kleinen Leuten“ seinen „chope“ oder seinen „demi“ trank.

Mit seinen Kompositionen und seinen Aufnahmen hat sich Django Reinhardt zweifellos das schönste Denkmal gesetzt. Am bekanntesten ist „Nuages“, aber auch „Manoir de mes rêves“, „Tears“, „Souvenirs“, „Echoes of Spain“, „Parfum“ und „Naguine“ müssen erwähnt werden. Eine der schönsten Kompositionen des Jazz, die ihm gewidmet wurde, heißt „Django“. John Lewis hat sie geschrieben und mit seinem „Modern Jazz Quartet“ aufgenommen. Seine Spielweise und die Instrumentierung des Quintetts hat unzählige Nachahmer besonders in Europa gefunden. Ich denke an Emil Irwing und Svend Asmussen, an das „Svenska Hotkvintetten“ und Helmut Zacharias, um nur einige zu nennen. Bis heute ist die Idee der Besetzung lebendig geblieben. Bis heute ist auch Django Reinhardt der einzige Europäer geblieben, der als Jazzmusiker in Amerika, der Heimat des Jazz, schulebildend geworden ist. Zwar sind die europäischen und und bald auch die japanischen Spitzenmusiker nicht nur von amerikanischen Vorbildern unabhängig und ihnen sogar ebenbürtig, aber das hat es noch nie gegeben, dass ein europäischer Jazzmusiker Vorbild für Amerikaner war – bis auf Django.

Im Jahr 1951 kam Django aus seinem Einsiedlerleben in Samois heraus. Er spielte wie eh und je. Doch ein Jahr später klagte er über steife Finger. Die Lage besserte sich, und im Januar 1953 nimmt Django in Paris im „Ringside“ ein Engagement an. Im „Alhambra“ trifft er den Manager Norman Granz, der ihm eine Welttournee vorschlägt und als Vorbereitung eine Landspielplatte mit ihm aufnimmt. Während der Wartezeit fährt Django nach Brüssel, um Dizzy Gillespie zu hören, der ihn auffordert, mit ihm zusammen auf der Bühne zu spielen. Es folgen Konzerte in der Schweiz. Da er über Kopfschmerzen klagt, rät man ihm, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Aber bei seinem Misstrauen gegenüber der Wissenschaft, unterlässt er das. Django kehrt in sein geliebte Samois zurück und angelt wieder. Am 15. Mai 1953, während er nach dem Angeln mit Freunden in einem Café sitzt, klagt er über hohen Blutdruck. Man bringt ihn nach Hause, wo er einen Schlaganfall erleidet. Noch in der Nacht wird er ins Krankenhaus nach Fontainebleau gebracht. Hier stirbt er in den frühen Morgenstunden des 16. Mai. Zu seinem Begräbnis kamen über zweitausend Menschen, darunter hunderte von Zigeunern.

So, wie Django auf der Gitarre spielte, wird nie wieder jemand spielen können, weil es einmalig war. In einer Welt deren Hauptstreben auf Gewinn und Erfolg bedacht ist, ist seine Musik so etwas wie ein Bekenntnis und eine Botschaft zugleich. Django brachte seine Gitarre zum Sprechen: bald traurig, bald heiter, bald übermütig, bald nachdenklich. Was er sagte, sagte er im Jazz-Idiom mit einem gehörigen Schuss Zigeunerblut und jenem schwer zu definierenden Flair französischer Lebenskunst des „savoir vivre“.

Was uns bleibt, ist nicht nur die Erinnerung an einen einmaligen Menschen, sondern seine Musik, die dank der Erfindung der Schallplatte weiterlebt.

Dieser Artikel erschien in Gitarre & Laute in Ausgabe V/1983/Nº 6, S. 439—444. Der Autor, Dr. Dietrich Schulz-Köhn (1912—1999) war einer der bekanntesten deutschen Jazz-Autoren und arbeitete viele Jahre für den Westdeutschen Rundfunk in Köln (als Dr. Jazz).

Den Artikel hat Dietrich Schulz-Köhn im Auftrag von Gitarre & Laute geschrieben um so an den dreißigsten Todestag von Django Reinhardt zu erinnern.

Das Bildmaterial, das in dem originalen Abdruck des Beitrag verwendet worden ist, wurde nach Drucklegung an den Autor zurückgegeben und steht nicht mehr vollständig zur Verfügung.