Giuliani pop

Ablinger 300x289Peter Ablinger [ablinger.mur.at]
33-127 for electric guitar and CD
Seth Josel, [josel.sheerpluck.de] Electric Guitar
Aufgenommen im November 2005, erschienen 2009
Mode Records [moderecords.com], in Deutschland bei Sunny Moon [sunny-moon.com], Köln, mode 206
… einsilbig und sperrig …

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Über beide, den Komponisten und den Interpreten dieser CD, muss ich erst etwas sagen. Nicht, weil sie neu im Geschäft wären oder völlig unbekannt, keineswegs! Aber sie gehören nicht in die Szene, aus der normalerweise Neuerscheinungen mit Gitarrenmusik kommen.

Peter Ablinger wurde 1959 in Schwanenstadt in Österreich geboren. Er studierte zunächst Graphik in Linz, danach Jazzklavier an der Musikhochschule Graz und schließlich, von 1979 bis 1982, Komposition privat bei Gösta Neuwirth, und an der Musikhochschule Wien bei Roman Haubenstock-Ramati. Seit 1982 lebt Peter Ablinger als freischaffender Musiker und Komponist in Berlin.

 

Seth Josel ist aus New York und hat an der Manhattan School of Music, später dann in Yale studiert. Zu seinen künstlerischen Lehrern gehörten Manuel Barrueco und Eliot Fisk. Heute lebt Seth Josel in Berlin und gilt als Pionier der Instrumentalmusik. Werke von Komponisten wie Louis Andriessen, Gavin Bryars, Mauricio Kagel, Helmut Lachenmann, Tristan Murail und James Tenney hat er uraufgeführt. Außerdem hat er mit verschiedenen Vertretern der jüngeren Komponistengeneration zusammengearbeitet, darunter Richard Barrett, Sidney Corbett, Chaya Czernowin, Keeril Makan and Manfred Stahnke. Sie alle haben für ihn Stücke geschrieben.

Das Stück heißt 33-127 und ist rund eine Stunde lang. Eine Stunde, aufgeteilt in 95 tracks, die alle separat anzusteuern sind. Das macht pro track etwas mehr als dreißig Sekunden. „Das Stück selbst könnte nicht klarer sein. Immer wieder bewegt sich eine Skala mit sanften und unvorhersehbaren Unregelmäßigkeiten im Rhythmus und in der Tonhöhe vom höchsten bis zum tiefsten Register der Elektrogitarre insgesamt 95 Male nach unten. Der Klang des Instrumentes ist sauber, klar und präzise. Dann wird jedoch an einem gewissen Punkt der ruhige und neutrale Verlauf dieser Skalen – aller bis auf eine – durch kakophone aufgenommene Straßengeräusche unterbrochen, welche die Gitarre in lauterem und rauerem Ton wild dreschend zu begleiten versucht. Dies dauert einen Moment oder ein paar Sekunden lang; dann beginnt wieder eine Skala, als ob nichts passiert wäre. Sie erreicht den tiefsten Ton des Instrumentes.“

Die Skala, von der hier in Evan Johnsons Beitrag über 33-127 (im Booklet) die Rede war, ist fallend und umfasst den gesamten Tonumfangs der Gitarre. Eine solche Skala zeichnet eine Linie und umgeht Simultanität. „Mein persönliches Manifest für das Grundsätzliche“ hat der Komponist es genannt.

Und die Linien verbinden Geräuschphasen, die zufällig vom Beifahrersitz eines Autos aus aufgenommen worden sind. Autogeräusche, Menschen, die miteinander reden, Maschinen, Züge … der Geräuschhintergrund, der uns tagtäglich umgibt.

Die eindimensionalen Skalen, mit denen jeder track beginnt, und die klanglichen Explosionen im Zusammenklang zahlloser ungeordneter, gleichzeitiger Geräusche sind die größten vorstellbaren Gegensätze. Ruhe und strenge, eindimensionale Ordnung auf der einen, Chaos auf der anderen Seite. Klänge, die von Menschenhand erzeugt werden und solche, die nur als Summe unbewusst erzeugter Geräusche existieren.

„Dies ist nicht Musik im herkömmlichen Sinn“ heißt es im Booklet. Aber was es ist? „Die Klänge sind nicht die Klänge! Sie sind da, um den Intellekt anzulenken und die Sinne zu besänftigen“ meint der Komponist selbst. Und das Spiel mit maximalen Gegensätzen hat er nicht nur in 33-127 gespielt.

Peter Ablingers hat den Begriff „Musik“ ausgeweitet und alltägliche Geräusche einbezogen. Aber da war er nicht der Erste – erinnern kann man in diesem Zusammenhang an John Cage (1912—1992), der mit seinem präparierten Klavier und anderen Verfremdungen vorsichtig in die gleiche Richtung experimentiert hat. Aber Peter Ablinger hat mit dem Gegenüber von Skalen und Geräuschen diese Gedanken radikaler umgesetzt.

33-127 von Peter Ablinger ist ein Stück Kopfmusik, das vermutlich auf Gitarrenfestivals, wo Repertoire zwischen Tárrega und Brouwer oder allerhöchstens Hans Werner Henze präsentiert wird, keine Chancen hat. Es ist einsilbig und sperrig, aber – wie gesagt – es ist Kopfmusik.