Giuliani pop

The Galant Lute CDVinícius Perez
The Galant Lute
Werke von Haydn, Kohaut, Mozart und Scheidler
Aufgenommen im Mai 2015
KLANGLOGO KL1515, im Vertrieb von NAXOS
Seine Debüt-CD jedenfalls sollten Sie sich gönnen!

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Diese CD nimmt für sich ein, bevor man einen Ton gehört hat! Als Titelbild ist nicht eines der überstrapazierten Lautenbilder von Caravaggio oder Bernardo Strozzi, um nur Bespiele zu nennen, verwendet worden, sondern ein Gemälde, das weitgehend unbekannt ist. Es heißt „Lady with a Lute“ und ist von Thomas Wilmer Dewing aus dem Jahr 1886 [!]; Lautenmusik der galanten Zeit ist verschiedentlich schon aufgenommen worden … nur hat sie bisher keiner im Titel der daraus entstandenen CDs auch so genannt. Die hießen eher „Spätbarocke Lautenmusik“ oder ähnlich; Und außerdem: Der Solist ist eine bisher unbekannte Größe im internationalen Geschäft und allein daher von Interesse. Außerdem kommt er aus Brasilien – für mich bisher kein „sicheres Herkunftsland“, was Lautenisten angeht!

Was ist überhaupt eine galante Laute – so heißt die CD schließlich? Ein solches Instrument hat es, genau genommen, nie gegeben. Ein „Galant Homme“ zu sein galt hingegen im 18. Jahrhundert als äußerst erstrebenswertes Ziel … dabei wusste niemand genau, was damit gemeint war. Christian Thomasius („Von [der] Nachahmung der Franzosen“, Leipzig 1687) beklagte sogar, das Wort galant sei „bey uns teutschen so gemein und so sehr gemißbraucht worden, daß es von Hund und Katzen, von Pantoffeln, von Tisch und Bäncken, von Feder und Dinten, und ich weiß endlich nicht, ob nicht auch von Äpffel und Birnen zum öfftern gesagt wird. So scheinet auch, als wenn die Frantzosen selbst nicht einig wären, worinnen eigentlich die wahrhafftige galanterie bestehe …

Ausgerechnet Johann Mattheson (1681–1764) raisonnierte in verschiedenen Büchern über den galanten Stil in der Musik – gleichzeitig war er es, der Laute und Lautenisten konsequent als minderwertig kritisierte und verhöhnte. Auf diese Art hat er den berühmten Disput mit Ernst Gottlieb Baron initiiert.

Mattheson stellte in seinem „Neu Eröffneten Orchestre“ (Hamburg 1713) „General=Reguln der Composition“ auf, „die einem galant homme zu wissen nöthig sind“. Darunter: „(1.) So ist die erste und vornehmste: Daß man Cantable setzte. h.e. daß sich alles/was man machet/es sey vocal oder Instrumental-Music wol singen lasse“ [S. 105]. Dieses Postulat, jede Musik, auch instrumentale, müsse kantabel sein, bedeutete gleichzeitig eine Abkehr vom strengen, gelehrten, kontrapunktischen Satz. Schließlich erleben wir gerade das frühe 18. Jahrhundert und – ebenso simpel wie unpräzise – die Phase des Übergangs vom Barock zur musikalischen Klassik.

Und doch: Die Vokabel „galant“ bezeichnete eher eine gesellschaftliche Dimension. Immer wieder – auch bei Mattheson – war von einem Galant Homme die Rede, für den (nicht nur in der Musik) Klarheit und Natürlichkeit erstrebenswerte Ziele waren. Er war ein homme de goût, ein Mann von Geschmack. Mit bestimmten Form- oder Stilpräferenzen lässt sich das musikalische Schaffen der galanten Zeit nicht wirklich beschreiben.

Das galante Programm, das uns Vinícius Perez präsentiert, heißt:

Joseph Haydn, Sonata in C (Divertimento) Hob XVI:10
Karl Kohaut, Sonata à Liuto Solo in D-Dur
Wolfgang Amadeus Mozart, Divertimento KV 439b/II
Christian Gottlieb Scheidler, Thème de Mozart varié par Scheidler

Gleich das einleitende Haydn-Divertimento lässt den Hörer der CD von Vinícius Perez in eine für Lautenmusik ungewohnte Klangwelt eintauchen, die ihn scheinbar intuitiv verstehen lässt, was die Komponisten und ihre Zeitgenossen mit „galantem Stil“ gemeint haben. Die beschwingte Leichtigkeit, die der weitgehend homophon orientierte Satz ausstrahlt, ermöglicht und fördert diesen Eindruck. Diese Musik strahlt „Höfflichkeit und Freudigkeit [aus, denen] aller zwang, affectation, und unanständige Plumpheit zuwieder sey“ (Thomasius 1687).

Vinícius spielt einen betörend schönen Lautenton (dieses Kompliment wird er vermutlich mit den Tontechikern teilen wollen), dazu ein strahelndes Belcanto im „Voll-Legato”. Er wählt die richtigen Tempi, hat ein Händchen für die innere Spannung eines Musikstücks und deren Dosierung und schließlich: Auch einen ungezwungenen Umgang mit wie nebenbei eingeflochtenen virtuosen Umspielungen und Erweiterungen, den das neue Selbstverständnis des Galant Homme mit sich gebracht hat, pflegt Vinícius Perez. Er nutzt die neue Freiheit auf ebenso selbstbewusste wie zurückhaltende Art, auch hier beweist er sich als homme de goût! Seine Debüt-CD jedenfalls sollten Sie sich gönnen!