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Über Sascha (Alexander Kamillowitsch) Frauči haben wir am 3. Mai 2010 noch berichtet, weil da eine CD mit älteren Aufnahmen dieses Ausnahme-Gitarristen erschienen war. Heute geht es weniger um Sascha, als vielmehr um Kamill Arturowitsch Frauči, Saschas Vater. Er war sein Lehrer und auch der von Evgeny Finkelstein, Vyacheslav Golikov und von verschiedenen anderen Musikern, die in den letzten Jahren auf sich aufmerksam gemacht haben. Jetzt ist bei Arbat-Film ein Dokumentarfilm herausgekommen, in dem es um diesen ungewöhnlichen Mann geht … der eine ebenso ungewöhnliche Geschichte hat. Sabine Gölz und Oleg Timofeyev haben den Film konzipiert und realisiert. Er ist als DVD bei Arbat-Film erhältlich. Hier ist der Trailer, der auch bei YouTube zu sehen ist:

http://www.youtube.com/watch?v=2D8sBY0_NxQ

Kamill Frautschi 150x118Kamill Arturowitsch Frauči war kein Gitarrenlehrer im herkömmlichen Sinn. Er unterrichtete an keiner Hochschule und keinem Konservatorium. Kamill Arturowitsch Frauči unerrichtete zu Hause oder in seiner Datscha. Und er unterrichtete auch nicht nach vorher festgelegten Unterrichtsplänen oder Schulen. „Mein Bestreben ist, zum Nachdenken anzuregen.“ In den siebziger bis in die späten neunziger Jahre förderte er auf diese Weise die Karrieren etlicher Musiker, darunter die seines Sohnes Alexander.

Father Alexander Antonov 150x112Dabei hatte Kamill Arturowitsch eine mehr als spektakuläre Geschichte, und die wird in dem Dokumentarfilm erzählt. Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit Zar Nikolaus II., hatten nämlich russische Adlige die Idee, Fachleute für die Herstellung von Käse aus der Schweiz ins Land zu holen – die Qualität des in Russland hergestellten Käses genügte ihnen nicht. Unter diesen Fachleuten waren ein Christian Frautschi und seine Frau Augusta. Christian lehrte die Russen erfolgreich, qualitätvollen Käse herzustellen und war 1920 als Christian Petrowitsch Frauči Volkskommissar für die Käseproduktion der UdSSR.Der Sohn von Christian Petrowitsch, Artur Christianowitsch Frauči machte eine völlig andere Karriere. Er arbeitete für den KGB und brachte es bis zum Leiter der Auslandsaufklärung … bis er 1939 in Ungnade fiel und in der Nacht vom 12. zum 13. Mai verhaftet und im August erschossen wurde. Man warf ihm vor, für die Länder, die er zu überwachen hatte, Spionagedienste geleistet zu haben. Sein Sohn war Kamill Arturowitsch Frauči, und auch ihm sollte es nicht gut ergehen. Als „Sohn eines Volksfeinds“ wurde er mit fünfzehn Jahren in den Gulag geschickt, wo er viele Jahre arbeiten musste. Nur die Tatsache, dass er zusammen mit den Intellektuellen Russlands inhaftiert war, ließ ihn durchhalten und überleben. Wieder in Freiheit wurde Kamill Arturowitsch Frauči zu der geschilderten Lehrerpersönlichkeit.

 

Dieser Dokumentarfilm erzählt eine bisher unbekannte Geschichte. Er enthält viele Interviews mit Menschen, die Kamill Arturowitsch und auch Alexander Kamillowitsch Frauči nahe gestanden haben. Und er enthält eine Reihe stimmungsvoller Bilder aus der unmittelbaren Umgebung der Fraučis sowie viele Aussagen über musikalische Methoden und Techniken. Der Film gewährt Einblicke in ein bisher wenig bekanntes Kapitel der Gitarrengeschichte des 20. Jahrhunderts … und ist jedenfalls sehenswert!

Fotos: 1: Kamill Arturowitsch Frauči; 2: Pater Alexander Antonov