Giuliani pop

La Guitarra dels Lleons CDLa guitarra dels Lleons
Xavier Díaz-Latorre, guitarras; Pedro Estevan, percussión
Werke von Isaac Albéniz, Gaspar Sanz, Fernando Sor, Santiago de Murcia und Francisco Guerau
Aufgenommen zwischen 2011 und 2013 im Museu de la Música de Barcelona
Gitarren von Antonio de Torres; anon. Guitarra de los Leones ca. 1700; Josef Pagés; anon. Guitarra italiana ca. 1700 (alle Instrumente aus dem Besitz des Museu de la Música de Barcelona
CANTUS C9623, im Vertrieb von Note-1

… Die Gitarren sind die Stars! …

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Vor ein paar Tagen ist hier die Besprechung einer CD mit Musik von Gaspar Sanz veröffentlicht worden. Als Resümee hieß es an deren Ende: „So geht Alte Musik!“ Die Interpreten waren Xavier Díaz-Latorre und Pedro Estevan. Gespielt haben sie auf Rekonstruktionen historischer Instrumente.

Die gleichen Interpreten haben auch die „heutige“ CD eingespielt … und die hat’s in sich! Das Programm beginnt mit einem Schlachtschiff des internationalen Gitarrenrepertoires, einem Schlachtschiff zudem, das ursprünglich nicht für Gitarre, sondern für Klavier komponiert worden ist: „Asturias“ von Isaac Albéniz … oder „Leyenda“? Auch zum Thema Fernando Sor werden Alte Kameraden herbeizitiert: Mozart-Variationen und – nun gut, das ist eine nicht ganz so oft gehörte Preziose – „Marlbrough s'en va-t-en guerre“ op. 28. Dazwischen Sanz, Santiago de Murcia und Guerau!“

Warum hat es diese CD nun „in sich“? Was ist speziell? Freilich nicht das Repertoire!

Die verwendeten Gitarren sind die Stars und nach einer von ihnen ist die Platte sogar benannt. Die CD ist auf originalen, nicht auf nachgebauten, Instrumenten eingespielt. Das kann außergewöhnlich gute Ergebnisse generieren, muss es aber nicht! Dass uns nämlich das Spiel auf einem Musikinstrument, das, sagen wir, zwei- oder dreihundert Jahre alt ist, neue Erkenntnisse über die Musik oder neue ungeahnte künstlerische Genüsse beschert, ist keineswegs sicher. David Starobin hat mir dazu einmal auf die Frage, ob er denn originale Instrumente von Panormo oder Stauffer spiele oder Kopien, geantwortet: „Sor und Giuliani haben auch keine Gitarren gespielt, die hundertfünfzig Jahre alt waren.“ [Gitarre & Laute VIII/1991/Nº 4, S. 9]

Dieser Einwand ist berechtigt, natürlich, und de facto sind viele alte Musikinstrumente nicht ohne wesensverändernde Restaurierungen spielbar. In der Hand von Interpreten, die sie ohnehin nur als Staffage verwenden, als schmückendes Beiwerk, erübrigen sich Fragen um ihre Authentizität per se. Wie oft sieht (oder hört) man Musiker, die Barockgitarren oder Vihuelas traktieren, als wären es moderne sechssaitige Gitarren! Auch Lauten übrigens … Narciso Yepes, der anno Tobak mit seiner skandalösen Einspielung sämtlicher Lautenwerke von Johann Sebastian Bach (auf einer Barocklaute) die „Lautenistenzunft“ seiner Zeit zutiefst beleidigt hat, muss in diesem Zusammenhang nicht wieder genannt werden.

Aber für David Starobin und auch für Xavier Díaz-Latorre und seinem Partner Pedro Estevan ist das Spielen der alten Instrumente kein Schmücken mit historisierenden Versatzstücken und es ist auch keine übertrieben akademische Art der Beschäftigung“, wie Professor Kreidler einmal gemeint hat. Ihnen geht es um nichts Anderes, als der Musik näher zu kommen … und das tun sie!

Perlend fließendes Rasgueado ist charakteristisch für die Tänze auf der Guitarra de los Leones, die zudem (nur sie!) durch Perkussion unterstützt werden; sehr genau und bewusst phrasíertes und akzentuiertes Spiel für die Stücke der Gitarrenklassik (Sor); ein Mischen von Rasgueado und Punteado in den Variationen von Francisco Guerau, die auf der hell timbrierten sechschörigen italienischen Gitarre gespielt werden und schließlich, wunderbar unaufgeregte, ausgewogene und farbenfrohe Darstellungen auf derfast modernen Torres. Xavier Díaz-Latorre führt die unterschiedlichen Instrumente mit ihrer jeweiligen Musik vor. Er lässt jedes für sich erstrahlen, überfordert keines, sondern spielt sie mit genau den Techniken und Spielarten, für die sie vor über dreihundert Jahren entwickelt worden sind. So und nur so haben wir die Chance zu erahnen, wie die Musik zur Zeit von Gaspar Sanz oder Fernando Sor geklungen hat.

Und die Offiziellen des Museu de la Música de Barcelona haben den Musikern dabei Goldene Brücken gebaut. Alle vier Gitarren, die sie auf ihrer CD spielen, haben offenbar das Glück gehabt, zeit ihres Lebens sorglich behandelt und schließlich (für diese Aufnahme!) von Fachleuten kompetent restauriert worden zu sein. Das klangliche Ergebnis jedenfalls ist sensationell … und zwar nicht nur, was die jüngste Gitarre des Quartetts, die Torres von 1859, angeht, die aus dem Besitz von Miguel Llobet stammt. Er, Llobet, hat sie so geschätzt, dass er sie sehr oft in Konzerten gespielt hat.

Xavier Díaz-Latorre und Pedro Estevan wissen, was sie tun! Uns bereiten sie das unsägliche Vergnügen, Musik für eigentlich vergessene und überlebte aber immerhin „zu uns“ gehörige Gitarren in vitalen Umgebungen zu hören. Wir kennen diese Musik … allerdings nur in einer auf ein Minimum eingekochten Schriftform, die wir als „Alte Musik“ missverstehen … aber wie so oft steht das Wesentliche nicht in, sondern zwischen den Noten.

Die CD „La Guitarra des Lleons” ist mit sehr instruktiven Texten (Englisch/Spanisch) ausgestattet, mit Fotos, bibliographischen Nachweisen usw.