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pickvorlage jpg 227x300Selbst, wenn man die Stössel-Laute wieder einführen wollte, es fehlt an den geeigneten Lehrern für das Instrument“ war einer der abschließenden Sätze des Kölner Instrumentenbauers Wilhelm Monke über die Problematik der Renaissance der Stössel-Laute. Ich zitiere ihn in der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Gitarre & Laute“. Was Monke allerdings auch sagte „Wenn Jakob Pick noch leben würde, wäre das kein so großes Problem“. Jakob Pick: Ein Kölner Fischhändler, der als der beste Stössel-Lautenspieler galt. Vor gut einem Jahr, am 24. Mai 1984, ist Jakob Pick im Alter von 83 Jahren gestorben. Ein verspäteter Nachruf:

„Ich weiß nicht, was ich dem Jungen noch beibringen soll, der kann doch schon alles“, soll Georg Stössel über den zwanzigjährigen gesagt haben. Tatsächlich war Jakob Pick ein Naturtalent: „Er spielte völlig ohne Noten, fehlerfrei“, erinnert sich Margarethe Will, eine seiner Schülerinnen.

In seinem der Haus- und Volksmusik eng verbundenen Elternhaus erhielt Jakob Pick schon früh Klavierunterricht. Der Vater, Werkzeugmacher bei der Kölner Firma Felten & Guillaume, musste zwar eine Familie mit zwölf Kindern ernähren, deren Ältester Jakob war, aber den Unterricht für den talentierten Sohn finanzierte er trotz aller Probleme. Wie Jakob Pick schließlich zur Stössel-Laute kam, ist wohl eher auf ein Missverständnis zurückzuführen. „Als Junge wollte er eine Gitarre geschenkt haben, die Eltern überreichten ihm aber eine Stössel-Laute“, so die älteste Tochter Jakob Picks, Gertrud Saupp. Die leichte Spielbarkeit des Instruments, verbunden mit dem musikalischen Talent Jakobs, das musste zwangsläufig eine erfolgreiche Mischung ergeben. Schon Anfang der zwanziger Jahre nahm Pick Kontakt zu Stössel auf. Vom Meister selbst wurde er auf den Lauten unterrichtet, mit Sohn Hans-Georg Stössel veröffentlichte er 1928 eine „Stössel-Lauten-Schule“. Das leidenschaftlich betriebene Hobby erwies sich schon bald als Retter in der Not. Nach abgeschlossener Lehre als Werkzeugmacher in einem großen Chemiekonzern in Köln, brachte die extreme wirtschaftliche Not Ende der zwanziger Jahre auch Jakob Pick auf die Straße. Um sich über Wasser halten zu können, denn die Eltern hatten auch nicht das Geld ihn zu unterhalten, besann sich Pick auf sein Talent. „Ab 1928 unterrichtete Pick an der gewerblichen Fortbildungsschule am Perlengraben in Köln die 20 Schüler auf der Stössel-Laute, die Stadt bezahlte ihm dafür zehn Mark – im Monat“ erinnert sich Margarethe Will, die 1931 Pick-Schülerin wurde. Daneben unterrichtete Pick eine Gruppe in Bergisch-Gladbach und erteilte Privatunterricht. Mehr recht als schlecht kam er mit dem Honorar aus den Lautenkursen durch. „1932 stellte die Stadt Köln die Zahlungen ein, die Leute, die Leute hatte alle kein Geld mehr“ erklärte Margarethe Will. Zusammen mit seiner Frau Leni zog Pick wohl oder übel die Konsequenzen. Da seine Brache kam und über Kontakte zu Lieferanten und Großhändlern verfügte, eröffnete Pick im gleichen Jahr in Köln-Ehrenfeld das „Fischhaus Jakob Pick“.

Doch die erhoffte gesicherte finanzielle Grundlage, so die älteste Tochter Gertrud Saupp, „blieb zunächst aus – die wirtschaftliche Lage in Deutschland war ja immer noch schlechter geworden“. Um sich ein Zubrot für die bald fünfköpfige Familie zu verdienen besann Pick sich erneut auf sein Talent. Am „Karl Heinrich Schroers-Konservatorium der Musik“ absolvierte er eine Ausbildung zum Klavierlehrer, an der Kölner Opernschule brachte er es zum anerkannten Opersänger: Urteil des „Fachausschuss der Reichstheaterkammer“ vom 18.3.1937: „Vermittelungsfähig“. Die zweite „Musikkarriere“ Picks begann mit einem Engagement im Stadttheater Gelsenkirchen als „Erster Chorbass“ in der Saison 1937/1938. Ein Jahr sang Pick in der gleichen Rolle in Saarbrücken. Auf der Stössel-Laute, „sein ein und alles“, so Tochter Gertrud, erreichte Pick, obwohl er lediglich Privatkurse abhielt, gerade in jener Zeit, eineZeit eine gewisse Popularität: Er bestritt Rundfunksendungen, trat mal in einer „Werkpause“ einer Erkelenzer Firma auf, wurde für die Wochenschau im Kino gefilmt und produzierte Schallplatten mit Stössel-Lauten-Musik.

Wie schon Meister Stössel, so brach auch bei Jakob Pick mit dem Zweiten Weltkrieg der Kontakt zur Stössel-Laute ab. Im Januar 1956 unternahm Pick zusammen mit seiner treuesten Schülerin Margarethe Will einen letzten Versuch, die Stössel-Laute erneut wieder einzuführen. In der Kölner Musikhochschule gaben beide eine Kostprobe der Möglichkeiten auf der Stössel-Laute. „Die Witwe Florentine Stössel wollte unbedingt, dass die Laute wieder in den Hochschulbetrieb eingeführt wurde“, so Margarethe Will. Der Versuch blieb ergebnislos. 1965 schloss das „Fischhaus Jakob Pick“ seine Tore. Pick zog sich aufs Altenteil zurück. Nach dem Tod seiner Frau verbrachte er die letzten zehn Jahre seines Lebens bei seiner Tochter Resi in Dudenhoven bei Rodgau. Noch aus dem Jahre 1978 existieren Tonbandaufnahmen Picks mit Stössel-Lauten-Musik. Pick hinterließ an die 150 Bearbeitungen für das „Volksinstrument für jedermann“, vom einfachen Volkslied bis zu Kompositionen Mozarts, Beethovens, Händels, Bachs und anderer. Er komponierte an die zwanzig Etüden, Lieder, aus eigener Feder. Ebenso wie Meister Georg Stössel ist auch Jakob Pick mittlerweile vergessen. Alte Kölner erinnern sich vielleicht noch an ihn, „an den musikalischsten Fischhändler, den ich je kennengelernt habe“, wie Wilhelm Monke schmunzelnd bemerkte.