Giuliani pop

David Haerenstam RecitalDavid Härenstam: Recital
Werke von Dyens, Ourkouzounov, de Falla, Giuliani, Paganini, de Murcia, Ponce, Barrios, Brouwer, Staffan Storm und Maria Löfberg
Aufgenommen im Juni und Juli 2014, erschienen 2015
Gitarre: Jim Redgate

DAPHNE 1053
… David Härenstam führt mit großer Souveränität durch das Programm …

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Wüsste ich nicht, dass David Härenstam schon eine ganze Reihe CDs herausgebracht hat, ich hielte diese CD mit dem Titel „Recital“ für sein Platten-Debüt. Nicht, weil er wie ein Anfänger spielt, keineswegs, aber weil das Programm, das er ausgewählt hat, eine bunte Mischung aus Stücken ist, deren innerer Zusammenhalt sich nicht spontan jedem erschließt. Ein Debütanten-Programm eben … oder?

Mit „Fuoco“ aus der „Libra Sonatina“ von Roland Dyens beginnt er, einem Stück, das als eine Art Paukenschlag gern von jungen Gitarristen gespielt wird: „Hier bin ich!“ Das Stück lebt von feurigen, virtuosen Umspielungen, die berühren, mitreißen und gleichzeitig, weil sie so ungeordnet erscheinen, beunruhigen.

Die „Folk Song Variations“ von Atanas Ourkouzounov, mit ihnen setzt David Härenstam sein Programm fort, bieten auch Spielmaterial für Virtuosen, sie entführen aber gleichzeitig einfühlsam in die Klangwelt des Balkan – ohne jemals mit zu bekannten Versatzstücken zu arbeiten. Dieses Stück könnte ich ruhig häufiger hören!

Dann kommen de Falla („Romance del Pescador“) Giuliani („Grand Overture“), Paganini („Romanze“ aus der Großen Sonate) und eine „Suite“ aus Stücken von Santiago de Murcia – schon das Bisherige ist eine tour d’horizon durch die europäische Musikgeschichte, die aber noch abgerundet wird. Mit „Lost Summers“ von Staffan Storm (*1964) zum Beispiel oder Maria Löfbergs (*1968) „Dreaming Dance“.

„Lost Summers“ besteht aus einem Satz und ist über neun Minuten lang. Aus dem anfänglich vorgestellten Tonmaterial entwickelt sich rasch so etwas wie eine Art kontemplativer Endlosigkeit. Ein Suchen, das immer wieder An der gleichen Stelle einsetzt und doch kein Ende findet. Eine ostinate Bassfigur wie in einer Passacaglia ist dabei der rote Faden, den gern Flageolett-Passagen umspielen – ohne Unruhe, ohne Aufregung … und doch in ständiger Bewegung.

„Lost Summers“ von Staffan Storm ist ein interessantes Stück, das einen neugierig macht, wie denn die anderen Stücke für oder mit Gitarre des Komponisten aussehen mögen … schreibt er doch im Booklet. „I have often [!] written for guitar in chamber music, from duos with violin and cello up to larger chamber ensembles, but I have only written one solo piece before …“

„Lost Summers“ ist so etwas wie die Elegie auf einen endenden Sommer. Die schwüle Hitze liegt noch in der Luft aber die Sonne steht schon tief, der Herbst ist da! Ein sommerliches Lied klingt noch an … aber man freut sich auf die Farben des Herbstes.

„Lost Summers“ beschreibt keinen schmerzerfüllten Abschied, eher den üblichen Wandel. Man weiß ja, was da kommen wird. Man ist ja damit groß geworden, und doch ist es immer wieder ein Wunder.

Am Schluss Maria Löfbergs „Dreaming Dance“: Dieses Stück beendet das Programm versöhnend mit allem Unbill, schwebend, träumend. Ein geträumter Tanz.

Jetzt, am Ende des Programms, macht die Programmauswahl irgendwie doch Sinn. Auch die Stücke, die bisher nicht erwähnt wurden: „Variations on a theme by Cabezón“ von Ponce, etwas von Barrios und Leo Brouwers „Paisaje Cubano con Companas“. David Härenstam führt mit großer Souveränität durch das Programm; Virtuosität ebenso zugetan wie der Kontemplation; der Schönheit des Klangs ebenso wie der musikalischen Struktur. Vielleicht fehlt ihm in der einen oder anderen Situation die professionelle Leichtigkeit im Umgang mit Skalen und Figuren – in Leo Brouwers „Paisaje Cubano“ zum Beispiel, wo mir manches zu geradlinig, zu technisch oder zu wenig bildlich vorkommt … nur ist mir die Erklärung, dass einem Kubaner das ungezwungen Lässige doch näher liegen könnte, als einem Musiker aus dem hohen Norden (David Härenstam kommt aus Schweden), ist mir dann doch zu banal.

David Härenstams „Recital“ ist keine Debüt-CD, klar! Es ist die Visitenkarte eines Musikers, für den Vielfalt scheinbar ein hohes Gut ist … ein so hohes, dass gleich neun Autoren für die Kommentare im Booklet verantwortlich zeichnen.