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Von den Vihuelisten ist Diego Pisador der am wenigsten gepriesene und hochgelobte - so jedenfalls stellt es sich mehr als vierhundert Jahre nach seinem Tod dar. Wir wissen sehr wenig über den Musiker und Kompilator der Vihuela-Anthologie „LIBRO DE MUSICA DE VIHUELA" von 1552, die in dem Ruf steht, nur wenige ungebundene, freie Instrumentalstücke zu enthalten, dafür aber zahlreiche Intavolierungen: vier Messen von Josquin darunter oder Motetten zu vier, fünf oder acht Stimmen. Bei genauerer Betrachtung stellt sich aber heraus, dass ein beträchtlicher Teil des Buches von Pisador allein 24 Fantasien enthält und dass sich auch sonst Tanzsätze und Einrichtungen höchst weltlicher Gesänge finden. Auch liest man gelegentlich, das Buch von Pisador enthalte zahlreiche Fehler und die Sätze seien spröde und vergleichsweise unmusikalisch. Es bleibt zu prüfen, ob es gute Gründe dafür gibt, dass Stücke von Milan oder Mudarra immer wieder, solche von Diego Pisador aber extrem selten in Programme von Gitarristen oder Vihuelisten aufgenommen werden.

Nun hat das Detmolder Label Carpe Diem eine CD unter dem Titel „Si me Llaman" herausgebracht, die ganz dem Œuvre von Pisador gewidmet ist. Der Countertenor José Hernández-Pastor und Ariel Abramovich, Vihuela, sind die Interpreten … ein musikalisches Tête-à-Tête besonders intimer Art

Si Me Llaman: Diego Pisador, Salamanca 1552
El Cortesano (José Hernández-Pastor und Ariel Abramovich)
Aufgenommen im Oktober 2008, erschienen 2009
CARPE DIEM (in Deutschland bei Klassic-Center, Kassel CD 16276

Der Villancicos bei Pisador nimmt sich diese CD an. Villancicos waren volkssprachige Gesangsstücke zu populären Themen, die gegen Mitte des 16. Jahrhunderts in Spanien außerordentlich beliebt waren. Juan Vásquez (1500-1560), ein Priester, der verschiedene Sakralwerke komponiert hat, war berühmt für seine sehr weltlichen Villancicos, die 1560 als „Recopilación de sonetos y villancicos a cuatro y a cinco" in Sevilla herausgekommen sind. Von ihm stammt auch „Si me llaman", ein Villancico, der die weibliche Schönheit besingt und der vorliegender CD ihren Namen gegeben hat.

Was wir zu hören bekommen, ist sehr intime, introvertierte Musik von höchster Klangschönheit. Dass eine Vihuela ein sehr zartes Instrument war und ist, wissen wir ... oder mindestens können wir es uns vorstellen. Einen modernen Nachbau des Instruments, besaitet vermutlich mit Nylon statt mit Darm und gespielt von einem Musiker des 21. Jahrhunderts, der an andere Lautstärke-Pegel gewöhnt ist als seine Kollegen vor 450 Jahren, muss man stark zurücknehmen, um ein musikalisches Tête-à-Tête so intimer Art zu erreichen. Und das gelingt hier im Zusammenspiel mit einem Sänger, der sich auch hie und dort beinahe auf ein Flüstern einstellen muss! Das ist hohe Kunst! José Hernández-Pastors Stimme verliert bei allem nicht einmal ihren strahlenden Glanz.

Bei aller Begeisterung für diese Pisador-Einspielung ... eine Kritik muss erlaubt sein! Es ist in den begleitenden Papieren mehrmals von einer
Ersteinspielung die Rede. Ist sie nicht! Zehn Jahre vor ihr erschien in Salamanca eine CD, die gleichzeitig ein Buch über den Komponisten enthält:

La Musica de Diego Pisador
vezino de la ciudad de Salamanca
Felipe Sánchez Mascuñano, Vihuela; Myriam Vincent, Gesang
Erschienen 1995
ARS VIVA, AVA 16101
… nicht wirklich präsentabel …
Hier wird Diego Pisador als Bürger von Salamanca gefeiert, als touristische Attraktion sozusagen. Die Aufnahme ist weit weniger fesselnd, gelegentlich regelrecht langweilig — und das bezieht sich leider auf beides, den Gesang und auch auf das Vihuela-Spiel.

Dabei fängt alles ganz gut an. Die CD beginnt mit eben dem Villancico von Juan Vásquez, der der CD von El Cortesano den Namen gegeben hat: „Si me llaman". Aber schon der nächste, „Si la noche haze escura" verläuft und wirkt spannungslos.

Schade eigentlich, denn bei dieser Produktion merkt man, dass mit viel Elan, Stolz und gutem Willen etwas begonnen wurde, das hinterher nicht wirklich präsentabel ausgefallen ist. Das begleitende Buch übrigens enthält die Unterweisungstexte des Buches von Diego Pisador in Reinschrift, dazu weitere informative Texte in spanischer Sprache. Ein knapperer Text ist dann auch in englischer, französischer, deutscher und japanischer Sprache enthalten. Der deutsche Text, und nur den habe ich überprüft, ist fehlerhaft.

Übrigens trägt auch die Produktion von ARS VIVA den Hinweis darauf, sie sei eine Erstaufnahme ... und damals hat das vermutlich auch gestimmt!

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