Giuliani pop

Interview, geführt auf der Frankfurter Musikmesse am 27.03.2010 von Dr. Ludger Kowal-Summek;
Foto: © 2010 by Konstantinos Zafiriadis, Schott Music, Mainz

Dieter Kreidler Schott kleiner 199x300Was hat Dich überhaupt bewogen, Deine alte, aber doch sehr erfolgreiche Gitarrenschule, die ja aus zwei Bänden und einem Lehrerhandbuch besteht, nach mehr als 30 Jahren zu überarbeiten? Was eigentlich ist es genau, eine Überarbeitung oder eine Neufassung? Wie siehst Du es selbst?

Der Schott Verlag kam vor einigen Jahren auf mich zu mit der Bitte, meine Gitarrenschule zu überarbeiten. Dabei stellte sich mir die Frage, ob eine Revision ausreichen würde oder ob nicht auf Grund heutiger Rahmenbedingungen, den generell veränderten schulischen Lernvoraussetzungen, auch für Schüler an Musikschulen und im Privatunterricht, eine Neufassung sinnvoller wäre.

Kreidler Schule 3Nach reiflichen Überlegungen stand für mich fest: der methodisch-didaktische Rahmen muss neu überdacht werden. Aus diesen grundsätzlichen Überlegungen ist dann die Konzeption für eine ganz neue Schule entstanden.

Bist Du wirklich der Meinung, die methodisch-didaktischen Inhalte sind komplett neu oder denkst Du einfach, dass sie sich, z. B. was mir aufgefallen ist, dass sich didaktische Elemente wie z. B. der Daumenanschlag einfach verschoben haben. Warum?

Das ist eine sehr gute Frage. Natürlich musste ich mich damit beschäftigen, ob z.B. der Wechselschlag als Kerntechnik beim künstlerischen Gitarrenspiel für den Ersteinstieg wirklich so effizient ist.

Ich habe festgestellt, dass doch der erste Impuls für einen Schüler, der zur Gitarre greift, der ist, mit dem Daumen die Basssaiten zu bewegen und anzuschlagen (fallende Bewegung).

Und da die leeren (ungegriffenen) Basssaiten nun mal prädestiniert sind, auch leichte Liedbegleitungen durchzuführen, kam die Idee mit Wortspielen in einfachen Songs, – sozusagen – sprachunterstützt –, das spielerische Lernen zu intensivieren und so zu beginnen. Heute denke ich, dass der Daumenschlag als erster Einstieg doch der einfachere Weg ist.

 Das damit verbundene Problem der Dämpftechnik halte ich jedoch weit zurück, weil diese viel zu komplex ist.

Koordinationsprobleme der linken und rechten Hand, die gesamte Greiftechnik, und dann noch aufzupassen, ob die Basssaite gedämpft ist, das schaffen nur Wenige.

Und deshalb rate ich hier erst einmal zu Toleranz und großzügigem ‚Darüberhinweghören’.

Eine andere Sache ist, dass Du mit den Fingersatzbezeichnungen sowohl für die linke als auch für die rechte Hand sparsamer umgegangen bist. Ist das ein Aspekt methodisch-didaktischer Freiheit?

Ich möchte schon, dass die Schüler Schritt für Schritt zum Notenlesen erzogen werden und nicht zum Spielen nach Ziffern und Schemata bzw. dass sie nur „Plätze auf dem Griffbrett“ besetzen, was sich bisweilen bei der alten Schule durch die etwas starre Vorgabe der Fingersätze breit gemacht hat.

Also dieses sparsame Notenbild ist nicht nur gewollt im Hinblick auf eine Hinführung zum Lesen, sondern es ist auch ein Stück Leseästhetik.

Ein überfrachtetes Notenbild ist bei der Gitarre ja Jahrzehnte lang „gepflegt“ worden und wenn man bedenkt, wie viele Bezeichnungen wir für Saite, Fingersatz links- rechts, p, i, m, a, etc. haben, das kann ein normaler Schüler so auf einen Blick gar nicht verdauen.

Deshalb: weniger ist mehr!

In einem anderen Interview hast Du gesagt, dass sich Deine neue Gitarrenschule besonders für Schulkinder eignet, d. h. ab sechs Jahren, oder bist Du der Meinung, dass der Beginn des Gitarrenspiels später sein sollte?

Ja, das mit den Sechsjährigen ist sicher eine Ausnahme. Es gibt Instrumentalschulen für den frühen Beginn direkt nach der musikalischen Früherziehung und es gibt Kindergitarrenschulen.

Ich denke, dass die klassische Zielgruppe für dieses Lehrwerk zwischen sieben und acht Jahren und aufwärts ist, wo das begriffliche Denken, Lernen und Abstrahieren schon ausgeprägter ist. Der Bezug zum Elementaren in den Frühinstrumentalschulen ist zwar da, aber er muss in diesen Lehrwerken noch feingliedriger und noch basaler sein und das habe ich mir im Wesentlichen gespart, weil es die bekannt guten Konzepte gibt.

Deine Gitarrenschule Band 1 enthält Anfänge des Blues-Schemas und der Liedbegleitung, was Du aber nicht in Band 2 weiterführst, sondern dort tauchen dann weitere Akkorde auf, die nicht eingeführt werden. Setzt Du da auf die Aktivität des Instrumentallehrers?

Kerninhalte von Band 2 sind: Spielen in der ersten Lage, Zweistimmiges Spiel mit leeren Bässen, Chromatik auf allen Saiten und Lagenwechsel

Darüber hinaus finden sich eine Reihe von Songs, die mit bekannten Akkorden begleitet werden.

Die Akkorde, die die Schüler bereits zur Begleitung spielen können, sind in einer Griffübersicht im Anhang dargestellt.

Alle anderen, schwierigeren Akkorde (z.B. Hm, C oder G7) sind eher für eine Begleitung durch den Lehrer gedacht. Er kann dann natürlich selbst entscheiden, ob sein Schüler diese Griffe vielleicht schon leisten kann.

Eine Erweiterung der Liedbegleitung wird dann auch in Band 3 konsequent weitergeführt.

Sowohl die alte als auch die neue Schule sind für den Einzel- und den Gruppenunterricht konzipiert, wobei mir auffällt, dass die drei neuen Bände noch stärker für den Gruppenunterricht gemacht sind. Nun gibt es ja auch den Aspekt des Klassenmusizierens. Bist Du der Meinung, dass sich Deine neue Schule auch für das Klassenmusizieren eignet oder bist Du eher der Meinung, dass dort eine Grenze ist?

Die neuen Konzepte wie „Jeki“ und Klassenmusizieren stehen im Raum, die Lehrer sind damit herausgefordert und es entstehen auch neue Denk- und Praxismodelle. Meine neue Schule ist vom Grundansatz nicht für diese Unterrichtsformen konzipiert und angelegt, aber wenn man eine der Grundvoraussetzungen fürs Klassenmusizieren, nämlich die Kleingliedrigkeit von Lernschritten, betrachtet, dann stehe ich mit meinem Konzept im Augenblick sicher ziemlich alleine da.

Wenn jetzt hier ein Lehrer sagen würde, die Unterrichtsinhalte sind in diesem Lehrwerk immerhin so fein strukturiert, die kann ich mal fürs Klassenmusizieren einsetzen, wäre das vorstellbar. Dabei muss man dann evtl. die Stimmen noch mal splitten.

Die vielen und interessanten Lernbegleitelemente der allgemeinen Musiklehre, die ja auch vorkommen, bieten Möglichkeiten zur Binnendifferenzierung ebenso wie die Spielstücke selbst, die ja meistens auch eine sehr leichte Stimme haben.

Deshalb könnte ich mir vorstellen, dass ein geschickter Lehrer die neue Schule auch als ein Konzept für den Klassenunterricht einsetzen könnte. Was dabei herauskommt, weiß ich letztlich nicht, aber ich denke, dass die Schule nicht das schlechteste Modell ist, da sie insgesamt handwerklich doch sehr erprobt ist.

Ja, gerade da, wo die Stücke dreistimmig sind, sollte es möglich sein, die Stücke weiter auszudifferenzieren.

Das finde ich auch, z. B. wenn ich an den Dracula-Rock aus Band 2 denke.

Hier könnte man auf der Grundlage der dritten Stimme eine vierte Stimme schreiben, indem man die Bassnoten als Ganze oder Halbe notiert (für schwächere Spieler), oder in der zweiten Gitarre könnte man die Begleitfigur auf drei Gruppen (akkordbezogen) verteilen.

Der Vorteil liegt darin, dass die Spieltechnik solide bleibt und doch schon eine relativ hohe Anforderung darstellt.

Die Lernschritte sind grundlegend. Ich gebe jedoch viele „Zückerchen“ rein durch eine große Variabilität und Vielfalt der Stücke.

Durch diese immer neu verpackten Grundspieltechniken ist ein solides Spiel mit Nachhaltigkeit gewährleistet.

Mir ist aufgefallen, wenn man es komprimiert, sind die Lernschritte zwischen der alten und neuen Schule ja identisch, aber jetzt nur mehr gestreckt und auch dem Gruppenunterricht angepasst.

Grundsätzlich ja, die Reihenfolge der Lernschritte ist leicht verändert, vor allem beginne ich früher mit der Liedbegleitung, auch wird dem Singen und der Sprache ein höherer Stellenwert gegeben.

Noch eine Bemerkung: Es war sicher nicht einfach, bei den vielen drei- oder vierstimmigen Stücken für den Gruppenunterricht die Stimmen immer so zu organisieren, dass sie jeweils den Lernschritten folgen.

Das Problem liegt in der Beschränkung der satztechnischen Mittel.

Mein Ziel war es, z. B. in einem fortgeschritteneren Ensemblesatz die erste und zweite Stimme der Lernschrittprogression folgen zu lassen, die dritte Stimme aber so zu schreiben, dass auch später eingestiegene oder schwächere Schüler eingebunden werden können.

Der Lehrer hat dadurch die Möglichkeit, alle Spieler „mitzunehmen“, zu beschäftigen und dabei unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten zu berücksichtigen..

Es ist ja auch die Aufgabe des Lehrers, die Stücke so zu bearbeiten, dass sie für die jeweilige Lerngruppe stimmig sind. Insofern wird es wohl auch so sein, dass viele Instrumentalschulen, die nicht explizit den Begriff Klassenmusizieren im Titel führten, sich dennoch dazu eignen könnten.

Ja, genau, so sehe ich das auch.

Hier ist – wie immer – der kreative und kompetente Lehrer gefragt.

Ich bin schon der Meinung, dass sich Deine neue Schule für Klassenmusizieren eignen würde, weil sie eben sehr viele interessante Ansätze bietet.

Noch ein anderer Aspekt betrifft die Aufmachung der Gitarrenschule, die vielen bunten Bilder z. B., die es ja in der alten Schule so nicht gab.

Die Zeichnungen lockern das ganze Erscheinungsbild auf, sie sind aber auch sinnvoll. Wir leben in einer bildbetonten Medienwelt, auch was die Schulbücher betrifft.

Die kleinen Lernkästchen in der Schule haben einen Aufforderungscharakter, der sich nicht nur an die Schüler, sondern auch an die Lehrer wendet. So lassen sich daraus auch Spiel- und Lernideen gestalten, durch die sich die Schüler heute anders angesprochen fühlen. Abgesehen davon weisen die Bilder eine Qualität auf, die ich niveauvoll und originell finde.

Comics gehören m.E. nicht in eine Instrumentalschule.

Was mir sehr gut gefallen hat, sind z. B. auch die Informationen zu den einzelnen Komponisten und Gitarristen.

Ich stelle immer wieder in meinem Unterricht und auch auf Lehrgängen fest, dass wir ein riesiges Defizit an allgemeiner Musiklehre und Grundbildung haben. Die Schüler wissen sehr wenig über Hintergründe von Musik. Sie spielen zwar die Stücke, wissen aber oft wenig oder nichts über die Komponisten oder über Titel oder Formen der Stücke. Hier geht es schließlich auch um Basiswissen, was vielleicht auch nicht mehr so vermittelt wird.

Das möchte ich jetzt aufgreifen und sagen: Kinder, Lernen macht Spaß und ein bisschen mehr über Musik zu wissen, ist auch fürs Leben gut. Auch wenn Du nicht Gitarrist wirst oder werden willst, aber vielleicht mit der Gitarre als Medium angefangen hast, sollst Du mehr lernen als nur p–i–m–a.

Danke für dieses interessante und aufschlussreiche Interview.