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visee ue neu 217x300Die Ausgaben der Reihe „Musik für Gitarre" von Karl Scheit haben das Wirken mehrerer Generationen von Gitarristen bestimmt — und zwar, was die Auswahl an Werken angeht und ihre editorische und spieltechnische Ausgestaltung. Schon vorher waren im gleichen Verlag, der Wiener Universal Edition, die Lehrwerke erschienen, die Scheit zusammen mit seinem Kollegen Erwin Schaller herausgebracht hatte, 1939 dann die beiden ersten Ausgabe der Editionsreihe. Es waren die „10 Stücke" von Alfred Uhl (UE 11180 und 11181). Sie erschienen, wie Karl Scheit mir selbst sagte, „im Nachthemd", also ohne Umschlag, weil zu Kriegszeiten Papier knapp war (s. Peter Päffgen, Die großen Gitarrenmusik-Verlage: Universal Edition, Wien, in: Gitarre & Laute I/1979/Nº 1, S. 41-43).

Auch noch zu Kriegszeiten, 1944 nämlich, kam die Suite D-Moll von Robert de Visée heraus. Im Vorwort heißt es: „Die Suite wird hier, soweit mir bekannt, zum ersten Male auf Grund des Originaldruckes veröffentlicht" ... sollte Karl Scheit tatsächlich die Ausgabe seines Kollegen Emilio Pujol von 1928 nicht gekannt haben (Max Eschig ME 1007 und 1007b)? Ein paar Jahre später, 1954, kam José de Azpiazu mit seiner Ausgabe auf den Markt (Symphonia Verlag Basel, Sy. 2359) und er hat sich — völlig gegen jede Erwartung — beinahe genauer an de Visées Tabulatur gehalten, als es Scheit getan hatte.

Im März 1957 nahm Andrés Segovia die Suite für DECCA auf (DL 9638) und damit dürfte ihr Höhenflug besiegelt worden sein. Welche Ausgabe ihm zur Verfügung gestanden hat, weiß man nicht, es war aber vermutlich nicht die Tabulatur.

Nach dem internationalen Erfolg des Stücks entstanden etliche Neuausgaben, bei denen gewohnheitsgemäß einer vom anderen abgeschrieben hat — das lässt sich für einige Editionen nachweisen, soll aber hier nicht Thema sein. Das Stück war jedenfalls war so populär, dass Siegfried Behrend es bei Zimmermann schlichtweg als „Berühmte Suite" herausgegeben hat ... übrigens bezweifle ich auch bei dieser Ausgabe, dass sie anhand und in Kenntnis der ursprünglichen Quellen entstanden ist!

Die Ausgabe von Karl Scheit von 1944 war richtungweisend ... aber sie war natürlich ein Kind ihrer Zeit. Dass Herausgeber speziell von Gitarrenmusik sich erst allmählich daran gewöhnen mussten, vorsichtig und gewissenhaft mit dem gegebenen Material umzugehen, haben wir erfahren müssen. Viel zu oft sind Ausgaben anhand zweifelhafter Quellen entstanden oder bewusst Änderungen vorgenommen worden, über die die Benutzer der Ausgaben nicht einmal informiert worden sind. Die UE beginnt nun offenbar, die bekannte Ausgaben-Reihe von Karl Scheit einer Prüfung zu unterziehen und einzelne Hefte, wenn es angebracht ist, durch revidierte Neuausgaben zu ersetzen. „Zum anderen gibt es nach wie vor Werke, die noch nie in der von Karl Scheit realisierten praktischen und pädagogischen Qualität herausgegeben wurden."

Robert de Visée, Suite en ré mineur für Gitarre, hrsg. v. Olaf van Gonnissen, Thomas Müller-Pering und Johannes Monno, Wien 2009: Universal Edition UE 34480, € 10,95

Santiago de Murcia, Suite en ré mineur für Gitarre, [gleiche Herausgeber] Wien 2009, UE 34481, € 10,05
[für beide] Reihe: Neue Karl Scheit Gitarrenedition

Was haben die Revisoren geändert? Sie haben zunächst die Satzfolge wie sie im "Livre de pieces pour La Guittarre" von 1686 veröffentlicht ist, wieder hergestellt. Scheit hatte folgendermaßen argumentiert: „Die hier wiedergegebene Suite in D-moll [ ... ] weist folgende Sätze auf: Prélude — Allemande — Courante — Sarabande — Gigue — Gavotte — Bourée — Menuet — Passacaille — Menuet. Die bei Visée nach der Gigue stehenden Sätze habe ich in der vorliegenden Ausgabe dem alten Suitengebrauch entsprechend zwischen die Hauptsätze eingereiht, die Passacaille ihres geringen musikalischen de visee verzierungenGehaltes wegen nicht aufgenommen."

Im „alte[n] Suitengebrauch", den Scheit hier anspricht und nach dem er die Suitensätze ordnet, ist in einer Suite nie eine festgelegte Form oder die prädefinierte Reihenfolge aneinanderhängender Tanzsätze gesehen worden ... besonders in Frankreich nicht. „Die französischen Suiten des 16. und 17. Jahrhunderts enthalten die freiesten Verbindungen von Sätzen und lassen am wenigsten die Bindung an ein festes Schema erkennen." (Julia Rosemeyer in MGG/2, ST/VIII/Sp. 2072). Überhaupt findet man den Terminus „Suite" als Name für eine musikalische Gattung, die aus einer Reihung von Tanzformen besteht, erst spät ... bedeutet doch „Suite" zunächst nichts anderes als Reihung oder Aufeinanderfolge. Selbst Johann Mattheson hat in seinem „Neu Eröffneten Orchestre" (Hamburg 1713) „Suiten" eher liberal beschrieben als „solche Instrumental-Sachen/die erstlich eine Ouverture, Symphonie oder Intrade, und nachgehends nach des Componisten Gutbefinden eine gantze Reihe allerhand Pieçen, als da sind: Allemanden, Couranten, und so weiter/in sich begreiffen."Michèle Castellengo, Mitarbeiterin des CNRS (Centre National de la Recherche Scientifique) in Paris, das sich unter anderem mit der Erforschung der Aufführungspraxis von Lauten- und Gitarrenmusik befasst, schrieb zur Suitenform bei de Visée: „Die Tanzsuiten bei Robert de Visée, die häufig mit einem Präludium beginnen, folgen der gewöhnlichen Reihenfolge: Allemande, Sarabande, Gigue; dann kommen verschiedene Tänze wie Passacaglia, Bourée, Gavotte, Menuett und Chaconne. Aber wenn man etwas genauer ihre Häufigkeit studiert, so stellt man fest, dass Robert de Visée im Vergleich zu seinen Zeitgenossen entschieden modern ist. Die Courante hat nicht mehr die überragende Bedeutung, die ihr in den Suiten Gallots oder Chambonnières zukam, wo sie fast die Hälfte der Tänze ausmachte. Gaillarde und Pavane, die nicht mehr getanzt werden, sind völlig verschwunden, vor allem jedoch kann man bemerken, dass das Menuett als neuer Tanz sehr stark vertreten ist."

Die Satzfolge bei Robert de Visée sollte also so akzeptiert werden, wie er sie veröffnetlicht hat ... und so hat das offenbar auch das Herausgeber-Triumvirat gesehen. Alle Sätze bei de Visée sind hier zusammengefasst — darunter auch (vollkommen richtig!) die „Passacaille [...] geringen musikalischen Gehaltes." So weit kann man also den Herausgebern nur beipflichten.

Aber wie sieht es mit den aufführungspraktischen Anweisungen aus, die bei de Visée stehen? Scheit schrieb 1944: „Die zur Zeit Visées übliche Rasgado-Spielmanier blieb unberücksichtigt, da unsere heutigen Instrumente ein kraftvolleres, zusammenklingendes Anschlagen der Akkorde erlauben, das ständige Durchstreichen daher keine unbedingte Notwendigkeit ist." Aber ganz abgesehen von den vorgeschriebenen Rasgueados sind im Buch von 1686 Angaben über Verzierungen gemacht. Die Herausgeber der Neuausgabe schreiben: „Im Original sind sowohl Vorhalte als auch Triller mit Komata [sic] vor bzw. hinter der entsprechenden Note gekennzeichnet. Nach dem Prinzip „Variatio delektat" [sic] sind unsere Vorschläge zu verstehen. Die Triller sollten üblicherweise von oben einfallen, mit einem leichten Schwerpunkt auf der Dissonanz." Die Sentenz von Euripides und anderen, dass „Abwechslung ergötzt", wirkt dabei leider eher kryptisch als erleuchtend, denn sie suggeriert eine Art Beliebigkeit. De Visée verzeichnet aber in seinen Büchern etliche unterschiedliche Verzierungen, die er ganz bewusst einsetzt und vorschreibt. Er notiert, wann die Töne eines Akkords zusammen angeschlagen werden sollen und wann der Mehrklang gebrochen werden soll. Jedes „tremblement" und „martellement" wird notiert und keinesfalls dem Zufall überlassen. Alle Bindungen (bei de Visée „cheutes") und Appogiaturas (bei de Visée „tirades") wurden von Gitarristen des 17. und 18. Jahrhunderts als Verzierungen gesehen und nicht als Teile der Spieltechnik — und so sollten sie in Neuausgaben auch behandelt werden.

Schließlich muss bei Ausgaben bedacht werden, wie de Visées Gitarre besaitet und gestimmt gewesen ist. Da wird gerade einmal der Tonumfang einer Dezime erreicht, das heißt die fünfchörige Gitarre des späten 18. Jahrhunderts war extrem Diskant-betont und hatte kein Bassfundament. Olaf van Gonnissen bezeichnet diese Stimmung als „unorthodox" (was sie keineswegs war) und nimmt für sich in Anspruch, dass eine „Bearbeitung nur eine Annäherung darstellen [kann und] (hoffentlich) immer auch den persönlichen Geschmack des Herausgebers" zeigt. Dieser Satz könnte dazu veranlassen, die Ausgabe ungesehen zu den Akten zu legen - denn der persönliche Geschmack des Herausgebers hat in der Neuausgabe eines historischen Musikwerks nichts zu suchen — und schon gar nicht, wenn es keine Erklärung dafür gibt, was nun van Gonnissen et. al. und was de Visée ist! Von Ausgaben, bei denen man nicht wusste, was Dichtung und was Wahrheit war und ist, haben wir zur Zeit Behrends und Azpiazus schon entschieden zu viele gehabt!

Nun sind die Eingriffe in das vorgegebene Werk so verwerflich keineswegs ... einige waren sogar notwendig! Aber einem Herausgeber zuzugestehen, nach persönlichem Geschmack vorzugehen, klingt bedrohlich!

Ich werde gern beobachten, wie es mit der „Neuen Karl Scheit Gitarren Edition", deren Vorbild, die Reihe „Musik für Gitarre" ich seit über vierzig Jahren kenne, weitergeht. Ich bin sicher, dass die drei Herausgeber und der Verlag offene Fragen schnell beantworten werden — und das ist dringend notwendig, wenn die "neue" Ausgaben-Reihe im Andenken an Karl Scheit weitergeführt werden soll!

Diese und weitere Besprechungen zu neuen Notenausgaben findent man in Gitarre & Laute ONLINE XXXI/2009/Nº 1